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Biographie Liszt

Liszt
Franz Liszt [1], im Ungarischen Liszt FerenczVon ungarischen Autoren wird gelegentlich auch die Schreibweise „Ferenc“ gebraucht. Liszts Vorname ist aber in seinem ungarischen Pass von 1874, abgebildet in: ÓvĂĄry: Ferenc Liszt, S. 29, als „Ferencz“ registriert, so dass dieser Schreibweise der Vorzug zu geben ist. Vgl. auch das Faksimile eines von Liszt eigenhĂ€ndig als „Liszt Ferencz“ unterschriebenen Notenbeispiels, in: ÓvĂĄry: Ferenc Liszt, S. 38., (* 22. Oktober 1811 in Raiding, damals Königreich Ungarn, heute Österreich (Burgenland); † 31. Juli 1886 in Bayreuth), war Komponist, Dirigent und einer der prominentesten Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts. Liszt hat in vielen unterschiedlichen Stilen und Gattungen komponiert. Mit seinen Hauptwerken wird er der „Neudeutschen Schule“ zugezĂ€hlt. Es wurden ihm zahlreiche Orden und Ehrentitel verliehen. So erhielt er im Oktober 1859, auf eigenen Antrag, ein österreichisches AdelsprĂ€dikat.Vgl. die Abbildung der Ernennungsurkunde vom 30. Oktober 1859, in: Burger: Franz Liszt, S. 215. Er hĂ€tte danach den Namen Franz Ritter von Liszt fĂŒhren dĂŒrfen, doch hat er von diesem Recht niemals Gebrauch gemacht. Im FrĂŒhjahr 1867 ließ er das AdelsprĂ€dikat auf seinen Vetter Eduard Liszt ĂŒbertragen.Vgl.: BĂ©kefi: Franz Liszt, Seine Abstammung - seine Familie, S. 28f.

thumb|Franz Liszt 1858, wenige Tage vor seinem 47. Geburtstag

Leben

Herkunft

thumb|Franz Liszt-Gedenktafel bei der Pfarr- und Wallfahrtskirche [2]]Franz Liszt war der einzige Sohn von Adam Liszt, Verwaltungsbeamter in Diensten des FĂŒrsten Nikolaus II. EsterhĂĄzy, und seiner Frau Maria Anna, geborene Lager, BĂ€ckerstochter aus Krems an der Donau. Liszts Geburtsort, das Dorf Raiding, gehört seit 1922 als Bestandteil des Burgenlandes zu Österreich. Zuvor hatte Raiding zum Königreich Ungarn gehört. In der Zeit von Liszts Kindheit und Jugend war in Ungarn die Amtssprache Deutsch und bis 1843 die Amtssprache Latein. Ungarisch wurde nur von einer kleinen Minderheit gesprochen und verstanden.

An dem Gymnasium von Preßburg wurde 1790 Ungarisch als obligatorisches Unterrichtsfach eingefĂŒhrt. Adam Liszt, der das Gymnasium von 1790 bis 1795 besuchte, erhielt in diesem Fach immer die schlechteste Note, vergleichbar mit „ungenĂŒgend“. Er beherrschte die Sprachen Deutsch und Latein, doch blieben seine Kenntnisse des Ungarischen gering. Liszts Mutter sprach nur Deutsch. In Raiding wurde fast ausschließlich Deutsch gesprochen, auch der Unterricht in der Dorfschule, die Liszt als Kind besuchte, wurde auf Deutsch erteilt. Liszts Lehrer Johann Rohrer musste 1835 Ungarisch lernen, weil seit dieser Zeit Ungarisch als Unterrichtssprache vorgeschrieben war.Vgl.: ÓvĂĄry: Ferenc Liszt, S. 78. Als Liszt im November 1846 in Hermannstadt in SiebenbĂŒrgen (heute RumĂ€nien) konzertierte, galt er dort als „der weltberĂŒhmte Klaviervirtuose, der von deutschen Eltern herstammend zufĂ€llig in Ungarn das Licht der Welt erblickte.“Vgl. die Notiz aus dem SiebenbĂŒrger Volksfreund vom 27. November 1846, in: Burger: Franz Liszt, S. 164.

Zu Beginn der 1820er Jahre, im Zusammenhang mit PlĂ€nen von einer Reise nach Paris, begannen Liszt und seine Eltern Französisch zu lernen, das schon bald Liszts von ihm am besten beherrschte Hauptsprache war. Selbst viele seiner Briefe an seine Mutter sind auf Französisch geschrieben. Im zweiten Teil seines Baccalaureus-Briefs von Mai/Juni 1838 aus Venedig schrieb er spĂ€ter, er habe seit seiner Übersiedlung nach Paris stets Frankreich als sein Vaterland angesehen. Er habe sich immer als Kind Frankreichs gefĂŒhlt und nie daran gedacht, in einem anderen Land geboren zu sein.Der betreffende Teil des original französischen Baccalaureus-Briefs erschien in deutscher Übersetzung des Barons Lannoy im Wiener Allgemeinen Musikalischen Anzeiger vom 31. Januar 1839. Diese Fassung ist in: LegĂĄny: Unbekannte Presse, S. 22f, zu finden. Als ihm am 4. Januar 1840 in Theater von Pest ein EhrensĂ€bel ĂŒbergeben wurde, drĂŒckte er in einer Dankesrede seine ungarisch-patriotischen GefĂŒhle auf Französisch aus. Seit dieser Zeit kĂŒndigte er mehrfach an, das Ungarische zu erlernen. Es verging aber noch lange Zeit, bis er sich in den frĂŒhen 1870er Jahren tatsĂ€chlich darum bemĂŒhte. Zufolge Liszts eigener Angaben war der Erfolg seiner BemĂŒhungen marginal.Vgl. den hĂ€ufig zitierten Brief an Baron Antal Augusz vom 7. Mai 1873, in: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S. 236f, in dem Liszt seine Unkenntnis der ungarischen Sprache beklagt. In Deszö LegĂĄnys Ferenc Liszt and His Country, 1860-1873 werden Liszts Kenntnisse des Ungarischen viel gĂŒnstiger beurteilt, dies aber ohne ĂŒberzeugenden Quellenbeleg.

Nachdem Liszt 1859 einen Antrag auf Verleihung eines AdelsprĂ€dikats gestellt hatte, wurde in Archiven nach ungarischen Vorfahren gesucht. Solche Vorfahren wurden aber nicht gefunden, und Liszt - zufolge eines schriftlichen Vermerks - hat dies auch akzeptiert.Vgl.: BĂ©kefi: Franz Liszt, Seine Abstammung - seine Familie. S. 29. Dessen ungeachtet bemĂŒhen sich noch immer einige ungarische Autoren darum, Liszt fĂŒr ihr Land zu reklamieren.Ein besonders fanatisches Beispiel ist ÓvĂĄrys Buch Ferenc Liszt Auch diese, mit einer fĂŒr Belange der Musikgeschichte beispiellosen IntensitĂ€t betriebene Suche nach ungarischen Vorfahren Liszts blieb bis heute ergebnislos. Von Liszts Kindern erhielt kein einziges die ungarische StaatsbĂŒrgerschaft. Sofern Liszt als Ungar angesehen werden soll, wĂ€re er der erste und zugleich letzte Ungar seiner Familie gewesen.

Das Wunderkind

Musikalische AnfÀnge

Entsprechend den WĂŒnschen seiner Mutter hĂ€tte Adam Liszt Priester werden sollen. Damit hĂ€ngt es zusammen, dass er das Gymnasium in Preßburg besuchte. Im September 1795 wurde er in Malacka in das Kloster eines Franziskaner-Ordens als Novize aufgenommen. Wegen seiner unbestĂ€ndigen und verĂ€nderlichen Natur wurde er am 29. Juli 1797 aus dem Kloster entlassen. Zu Beginn des Wintersemesters 1797/98 schrieb er sich der UniversitĂ€t von Preßburg als Student der Philosophie ein. Da es ihm an Geldmitteln fehlte, brach er das Studium ab, als er mit Wirkung zum 1. Januar 1798 eine Anstellung bei dem FĂŒrsten EsterhĂĄzy erhielt.

Seit 1801 bemĂŒhte sich Adam Liszt um eine Versetzung nach Eisenstadt, wo der FĂŒrst EsterhĂĄzy an seiner Sommerresidenz ein Orchester unterhielt. In seinem Gesuch zur Versetzung fĂŒhrte Adam Liszt aus, er sei dazu bereit,

bei der Musik Orgel, Violine und im Notfall auch Cello zu spielen, im Kirchenchor Bass zu singen und im Orchester auch die Pauke zu schlagen. Über seine musikalischen FĂ€higkeiten wĂŒrde Herr v. Haydn sein mĂŒndliches Zeugnis erteilen.Zitiert nach ÓvĂĄry: Ferenc Liszt, S. 70.


Das Orchester wurde bis 1804 von Joseph Haydn und danach bis 1811 von Johann Nepomuk Hummel geleitet. Adam Liszt wurde 1805 nach Eisenstadt versetzt, wo er gelegentlich als zweiter Cellist in dem Orchester spielte. Am 13. September 1807 fĂŒhrte das Orchester unter Ludwig van Beethovens eigener Leitung dessen Messe in C-Dur auf. Als im Herbst 1808 eine vakante Stelle als SchĂ€ferei-RechnungsfĂŒhrer in Raiding zu besetzen war, wurde Adam Liszt auf eigenen Antrag dorthin versetzt.

Über den Beginn der musikalischen Ausbildung Franz Liszts stehen nur wenige Quellen zur VerfĂŒgung. Einige Autoren aus der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts beriefen sich auf ein Tagebuch Adam Liszts. Das Tagebuch befand sich noch im Juli 1938 in dem Besitz von Eduard Liszt jun., des jĂŒngsten Sohnes von Liszts Vetter Eduard Liszt. Eduard Liszt jun. wollte das Tagebuch und weitere Reliquien dem ungarischen Staat ĂŒberlassen.Vgl. BĂ©kefi: Franz Liszt, Seine Abstammung - seine Familie, S. 33. Das Tagebuch ist seither verschollen, so dass die Angaben der Ă€lteren Autoren einer ÜberprĂŒfung nicht zugĂ€nglich sind. Zufolge eigener Angaben aus spĂ€terer Zeit hatte Liszt sich im Alter von sieben Jahren das Notenschreiben „allein angelernt“ und vor seinem neunten Jahr bereits „ziemlich viele Bögen mit Noten gekritzelt.“Vgl. Liszts schriftliche Auskunft an Lina Ramann vom August 1874, in: Ramann: Lisztiana, S. 388. Ein „Bogen“ entspricht acht Seiten.

In einem Brief an den FĂŒrsten EsterhĂĄzy vom 13. April 1820 schrieb Adam Liszt, er habe vor zwei Jahren ein Klavier und seither fĂŒr seinen Sohn außerdem 1.100 Bogen, d. h. 8.800 Seiten, Musikalien „von den besten Meistern“ gekauft. Trotz hĂ€ufiger Krankheiten habe sein Sohn in einem Zeitraum von 22 Monaten gelernt, „alle nur bestehenden Schwierigkeiten eines Bach, Mozart, Beethoven, Clementi, Hummel, Cramer etc. mit einer Leichtigkeit zu ĂŒberwinden, jedes auch der schwersten ClavierstĂŒcke ohne vorher gesehen zu haben vom Blatte im strengsten Tempo, ohne Fehler mit Praecision wegzuspielen“.Adam Liszts Brief ist in: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S. 41ff, zu finden. Liszt hatte danach im Juni 1818 mit dem Klavierspiel begonnen. Der Frage, ob er tatsĂ€chlich in 22 Monaten 8.800 Seiten Klaviermusik, d. h. 400 Seiten pro Monat, durchgearbeitet hatte, wird allerdings mit Skepsis zu begegnen sein.

Im Oktober 1820, in einem Konzert eines Violine spielenden Wunderkindes Baron von Braun in Ödenburg, trat Liszt mit dem Vortrag eines Klavierkonzerts in Es-Dur von Ferdinand Ries und einer eigenen Improvisation erstmals öffentlich auf. Am 26. November 1820 gab er in Preßburg ein erstes eigenes Konzert. In der StĂ€dtischen Preßburger Zeitung vom 28. November 1820 erschien darauf der folgende Bericht:

Verflossenen Sonntag, am 26. dieses Monats, dieses in der Mittagsstunde, hatte der neunjĂ€hrige Virtuose Franz Liszt, die Ehre, sich vor einer zahlreichen Versammlung des hiesigen hohen Adels und mehrerer Kunstfreunde, in der Wohnung des hochgeborenen Herrn Grafen Michael EszterhĂĄzy, auf dem Clavier zu produciren. Die außerordentliche Fertigkeit dieses KĂŒnstlers, so wie auch dessen schneller Überblick im Lösen der schwersten StĂŒcke, indem er alles, was man ihm vorlegte, vom Blatt wegspielte, erregte allgemeine Bewunderung, und berechtigt zu den herrlichsten Erwartungen.Zitiert nach der Abbildung des Originals in: Burger: Franz Liszt, S. 17.


Von einer Gruppe der anwesenden ungarischen Magnaten erhielt Adam Liszt die Zusage eines jĂ€hrlichen Stipendiums von 600 Gulden, um seinem Sohn ein Studium im Ausland zu ermöglichen, doch tat sich fĂŒr die Zeit der folgenden anderthalb Jahre nichts. Adam Liszt hatte sich bereits seit August 1819 um eine Versetzung nach Wien bemĂŒht, damit sein Sohn dort qualifizierten Unterricht erhielt. Nachdem dies abschlĂ€gig beschieden worden war, kam er in seinem Schreiben an den FĂŒrsten EsterhĂĄzy vom 13. April ein weiteres Mal darauf zurĂŒck. FĂŒr den Fall einer erneuten Ablehnung schlug er einen unbezahlten Urlaub vor. Es wurden ein Urlaub von einem Jahr und ein einmaliger Ausbildungsbetrag von 200 Gulden bewilligt. Da dies zur Deckung der zu erwartenden Kosten nicht ausreichend war, entschloss Adam Liszt sich dazu, den Urlaub zu verschieben. Am 8. Mai 1822, nachdem er eigene VermögensgegenstĂ€nde verkauft hatte, reiste er schließlich zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn nach Wien.

Ausbildung in Wien

In Wien erhielt Liszt von Carl Czerny Unterricht im Klavierspiel und seit August 1822 von Antonio Salieri Unterricht in Komposition. Czerny hat spĂ€ter den Unterricht in seinen Erinnerungen beschriebenDer Liszt betreffende Teil ist zu finden in: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S. 7ff., doch ist die ZuverlĂ€ssigkeit seiner Schilderung in manchen Einzelheiten zweifelhaft. Wenn Czerny beispielsweise schrieb, Liszt habe unter seiner Anleitung die Werke von Hummel, Ries, Beethoven und J. S. Bach kennengelernt und sich in seinem Unterricht das Avista-Spielen angeeignet, so wird dies durch Adam Liszts Brief an den FĂŒrsten EsterhĂĄzy vom 13. April 1820 widerlegt. Entgegen Czenys Angabe ist auch bekannt, dass Liszt den Unterricht keineswegs mit „unverĂ€nderlicher Munterkeit“ und „guter Laune“ besuchte.

Aus von Liszt autorisierten anderen Quellen geht hervor, dass Czerny den Unterricht mit einigen der leichteren Sonaten Clementis begann. Liszt konnte diese StĂŒcke ohne MĂŒhe spielen, doch sah er nicht ein, dass der musikalische Vortrag auszuarbeiten sei. Zwischen Lehrer und SchĂŒler stellte sich infolgedessen eine starke Verstimmung ein. Um den verhassten Lektionen zu entgehen, schrieb Liszt unsinnige FingersĂ€tze in ein Notenheft hinein. Zu seinem Vater sagte er dann, die FingersĂ€tze seien von Czerny, der offensichtlich nichts vom dem Klavierspiel verstand. Es kam zu einer Aussprache Adam Liszts mit Czerny, und wohl auch mit seinem Sohn. Der Unterricht wurde dann fortgesetzt. Dabei scheint schließlich ein harmonischeres VerhĂ€ltnis zwischen Lehrer und SchĂŒler entstanden zu sein.Diesen Eindruck vermitteln die Briefe Czernys an Adam Liszt.

Schon bald nach seiner Ankunft in Wien ließ Liszt sich in privaten Kreisen hören. In einem eigenen Konzert am 1. Dezember 1822 im LandesstĂ€ndischen Theater spielte er Hummels Klavierkonzert in a-Moll sowie eine Improvisation ĂŒber eine Arie aus Rossinis Oper „Zelmira“ und das „Andante“ (gemeint ist das „Allegretto“) aus Beethovens 7. Sinfonie. Am 13. April 1823 gab er im kleinen Redoutensaal jenes Konzert, an dessen Ende er nach der Legende einen Weihekuss Beethovens erhalten haben soll. Es kann aber heute als sicher gelten, dass Beethoven in dem Konzert nicht anwesend war.Vgl. beispielsweise: Walker: Virtuoso Years, S.81ff. Walkers Versuch, mit Bezugnahme auf eine Veröffentlichung von Ilka Horowitz-Barnay von 1875 wenigstens einen Teil der Legende zu retten, kann schwerlich ĂŒberzeugen, da die ZuverlĂ€ssigkeit dieser Veröffentlichung selbst zweifelhaft ist; vgl.: LegĂĄny: Ferenc Liszt and His Country, 1874-1886, S. 303, Anm. 71. Liszt spielte Hummels Konzert in h-Moll, brillante Variationen von Moscheles und eine Improvisation ĂŒber ein vom Publikum aufgegebenes Thema. In einer Rezension der Wiener Allgemeinen Musikalischen Zeitung wurde er bei BerĂŒcksichtigung seines Alters gelobt, wenn man auch insbesondere in dem Konzert noch einen Mangel an physischer Kraft bemerkte. In der Improvisation geriet Liszt schon beim Vortrag des Themas, einer Rondo-Melodie von 24 Takten, in Verlegenheit.Vgl.: LegĂĄny: Unbekannte Presse aus Wien, S. 19.

Ende April 1823 kehrte die Familie nach Ungarn zurĂŒck. Nachdem Adam Liszts Versuch, eine VerlĂ€ngerung seines Urlaubs um zwei weitere Jahre zu erwirken, vergeblich gewesen war, kĂŒndigte er seine Anstellung bei dem FĂŒrsten EsterhĂĄzy. Liszt gab am 1., 19. und 24. Mai 1823 Konzerte in Pest. Am Ende des Konzerts vom 19. Mai spielte er einige StĂŒcke aus einer gedruckten Sammlung ungarischer TĂ€nze von CsermĂĄk, Lavotta und Bihari sowie den RĂĄkĂłczi-Marsch. Ende Mai reiste die Familie wieder nach Wien, wo Liszt noch fĂŒr einige Monate Unterricht bei Czerny und Salieri erhielt.

„Petit Litz“ und „Master Liszt“

Am 20. September 1823 verließen Liszt und seine Eltern Wien, um nach Paris zu reisen, wo Liszt am Konservatorium studieren sollte. Nach Zwischenaufenthalten mit Konzerten in MĂŒnchen, Augsburg, Stuttgart und Straßburg traf die Familie am 11. Dezember 1823 in Paris ein. Als Adam Liszt sich am nĂ€chsten Tag zusammen mit seinem Sohn in das Konservatorium begab, teilte der Direktor Luigi Cherubini ihnen mit, dass ein Studium an dieser Institution nur Franzosen vorbehalten sei. Liszt wurde als Student abgelehnt.

FĂŒr die weitere Vervollkommnung seines Klavierspiels war Liszt danach auf das strenge Regiment seines Vaters verwiesen. Er musste mit dem Metronom Skalen und EtĂŒden ĂŒben.Vgl. den Brief Adam Liszts an Czerny vom 29. Juli 1824, in: Burger: Franz Liszt, S.36. An jedem Nachmittag musste er zudem seinem Vater einige Fugen Johann Sebastian Bachs vorspielen und diese hĂ€ufig auch in andere Tonarten transponieren.Vgl.: Rellstab: Franz Liszt, S.63f. Im GesprĂ€ch mit Rellstab erzĂ€hlte Liszt, das Transponieren der Fugen sei fĂŒr ihn eine sehr schwere Aufgabe gewesen, bei der hĂ€ufig stockte und irrte. Daneben erhielt er Kompositionsunterricht bei Ferdinando Paer und AntonĂ­n Reicha. Nach privaten Auftritten in höchsten Gesellschaftskreisen und Konzerten am 7. MĂ€rz und 12. April 1824 im Italienischen Theater stieg Liszt als „petit Litz“Die Schreibweise „Litz“ fĂŒr den Namen Liszts ist noch im Titel seiner ersten Paganini-EtĂŒde in der im Februar 1841 veröffentlichten Schonenberger-Ausgabe sowie in einer Annonce seiner Bearbeitungen von Liedern Schuberts in der France musicale vom 18. April 1841, S.140, zu finden. Daneben gab es auch die Schreibweise „Listz“. Vgl. hierzu die Erörterung in: Le Pianiste vom 20. November 1834, S.15. Nach der Meinung dieses Autors war Liszts eigenhĂ€ndige Unterschrift als „Listz“ zu lesen, wĂ€hrend die Schreibweisen „Litz“ und „Liszt“ als falsch verworfen wurden. rasch zu einer BerĂŒhmtheit auf. Er wurde in Rezensionen zum wiedergeborenen Mozart ernannt. In Konzerten in England, das er zusammen mit seinem Vater in den Jahren 1824, 1825 und 1827 besuchte, war er als „Master Liszt“ bekannt. Zusammen mit seinem Vater bereiste er auch die französische Provinz.Eine detaillierte Beschreibung von Liszts Konzertverhalten in dieser Zeit enthĂ€lt der Brief des Advokaten Lecourt in Marseille vom FrĂŒhjahr 1825 oder 1826 an die Klavierlehrerin Jenny Montgolfier in Lyon, in: Eckhardt, Maria: Liszt Ă  Marseille, in: Studia Musicologica Academiae Scientarum Hungaricae 24 (1982), S. 168f.

Aus Briefen Adam Liszts an Bekannte geht hervor, dass sein Sohn Klavierwerke, darunter Sonaten und Konzerte, Werke in kammermusikalischen Gattungen und Werke fĂŒr Gesang komponierte. Fast alle dieser Kompositionen sind verschollen, so dass ein Urteil insoweit nicht möglich ist. Die veröffentlichten Klavierwerke des Wunderkindes, neben einem Beitrag zu den Variationen eines "VaterlĂ€ndischen TonkĂŒnstlervereins" von 50 berĂŒhmten österreichischen Komponisten ĂŒber einen Walzer Diabellis in der Hauptsache Variationen op.1 ĂŒber ein eigenes Thema, Variationen op.2 ĂŒber ein Thema von Rossini, ein Impromptu op.3 ĂŒber Themen von Rossini und Spontini, zwei Allegri di bravura op.4 und 12 EtĂŒden op.6, sind in dem brillanten Stil seines Lehrers Czerny gehalten, der ihm in großer FĂŒlle eigene Kompositionen zukommen ließ. Die Opuszahl 5, die frei geblieben ist, war wohl fĂŒr die Oper Don Sanche ou le ChĂąteau d’amour bestimmt, die Liszt mit Hilfestellung seines Lehrers Paer komponierte. Mit Adolphe Nourrit in der Titelrolle wurde die Oper am 17. Oktober 1825 unter der Leitung von Rodolphe Kreutzer in Paris uraufgefĂŒhrt. Die Oper wurde aber schon bald von dem Spielplan gestrichen.

Auch mit den von ihm als Wunderkind veröffentlichten Klavierwerken hatte Liszt keinen Erfolg. Ein Brief Aloyis Schmitts an seinen SchĂŒler Ferdinand Hiller ist in dieser Hinsicht informativ. Hiller traf im Oktober 1828 in Paris ein. Nachdem er sich dort eingelebt und Liszt kennengelernt hatte, schilderte er seine EindrĂŒcke in einem Brief an Schmitt, der in seiner Antwort vom 22. MĂ€rz 1829 schrieb:

FĂŒr die mitgeteilten Nachrichten ĂŒber das Pariser Musikleben, die mir und Carl sehr interessant waren, danke ich Dir sehr, was mir darunter am auffallendsten war, ist, dass Herz, der so sorgfĂ€ltig in Bezeichnung des Vortrags ist und dessen Compositionen hĂ€ufig Grazie erfordern, gerade dessen ermangeln soll, dass Liszt kein Kompositionstalent hat, hat er durch seine herausgegebenen Allegri di Bravura bewiesen.Sietz, Reinhold (Hrsg.): Aus Ferdinand Hillers Briefwechsel, BeitrĂ€ge zur Rheinischen Musikgeschichte, Heft 28, Köln, S. 14.


Ein Tagebuch von April bis Juli 1827 mit Zitaten, die Fragen nach dem Sinn des Lebens und Liszts Streben nach einem christlichen Lebenswandel spiegeln, gibt Aufschluss ĂŒber sein geistiges Ringen in dieser Zeit. Liszts Karriere als konzertierendes Wunderkind fand ein Ende, als am 28. August 1827 in Boulogne-sur-Mer sein Vater starb.

Jugend in Paris

Auf eigenen FĂŒĂŸen

Nach dem Tod seines Vaters kehrte Liszt nach Paris zurĂŒck, wo er zusammen mit seiner Mutter, zuerst in der Rue Montholon und spĂ€ter in der Rue de Provence, eine kleine Wohnung bezog. Er nahm gelegentlich an Konzerten anderer KĂŒnstler teil. Ein fĂŒr den 25. Dezember 1828 angekĂŒndigtes eigenes Konzert, in dem er im ersten Teil Beethovens Klavierkonzert in Es-Dur und im zweiten Teil brillante Variationen Czernys sowie ein Duo fĂŒr Klavier und Violine von Mayseder spielen wollte, fiel aus, weil er die Masern bekam. Nachdem er am 29. April 1830 in einem Konzert Charles Schunkes an einer zwölfhĂ€ndigen Bearbeitung der OuvertĂŒre zu Mozarts Oper Die Zauberflöte beteiligt gewesen war, stellte er fĂŒr eine Zeit von zwei Jahren seine KonzerttĂ€tigkeit vollstĂ€ndig ein.Zu den Einzelheiten von Liszts KonzertaktivitĂ€ten vgl.: Keeling: Liszt’s Appearances in Parisian Concerts 1.

Um fĂŒr seine Mutter und fĂŒr sich selbst den Lebensunterhalt zu bestreiten, gab Liszt Unterricht in Klavierspiel und Komposition. Es entspann sich eine Liebesbeziehung mit seiner SchĂŒlerin Caroline de Saint-Criq, Tochter des französischen Innenministers. Von den Einzelheiten des Hergangs ist nicht viel mehr bekannt, als dass wegen des großen Standesunterschiedes der Vater des MĂ€dchens eine Fortsetzung der Beziehung untersagt haben soll. In einem Brief an Liszt vom Juli 1853 schrieb Caroline spĂ€ter, er habe sich standhaft Gottes Willen unterworfen.Vgl.: Burger: Franz Liszt, S. 54. TatsĂ€chlich wurde er im Jahr 1829 konfirmiert.Vgl. die schriftliche ErklĂ€rung der FĂŒrstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein vom 18. September 1861, in: Walker: Weimar Years, S. 576. Es ist anzunehmen, dass Liszts Konfirmation in der NĂ€he seines 18. Geburtstags am 22. Oktober 1829 erfolgte. Bei dem Unterricht, den er zur Vorbereitung erhielt, muss er mit seinem Beichtvater Angelegenheiten seines Privatlebens besprochen haben. Er hĂ€tte die Auskunft erhalten, dass bereits der Wunsch, entgegen dem Willen des Vaters die Beziehung mit seiner SchĂŒlerin fortzusetzen, eine schwere SĂŒnde sei. HĂ€tte er sich insoweit Gottes Willen unterworfen, indem er das MĂ€dchen verließ, so schrieb er im FrĂŒhjahr 1834 in einem seiner Briefe, fĂŒr Caroline sei er nicht mehr als nur ein Kind, beinahe ein Idiot gewesen.Vgl: Liszt-d’Agoult: Correspondance I, S. 72.

In den frĂŒhen 1830er Jahren begeisterte sich Liszt fĂŒr unterschiedliche geistige und politische Strömungen dieser Zeit. Es formte sich eine Persönlichkeit, die in ihrer KomplexitĂ€t und WidersprĂŒchlichkeit nicht mit knappen Worten beschrieben werden kann. Zu jeder Überzeugung, die Liszt mit Worten vertrat, lĂ€sst sich mit gleicher StĂ€rke auch das Gegenteil erkennen. Im Juli 1830 beispielsweise war er AnhĂ€nger der Revolution gewesen, die er in einer skizzierten Revolutions-Symphonie verherrlichen wollte. Wird dagegen sein Leben angesehen, wie es sich spĂ€ter entfaltete, so blieb gerade fĂŒr ihn ein fĂŒr einen KĂŒnstler des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich stark ausgeprĂ€gtes BedĂŒrfnis nach Akzeptanz in Kreisen des Geburtsadels ein bestimmendes Element.

Im Einklang mit vielen anderen KĂŒnstlern engagierte Liszt sich auch fĂŒr die Lehre der Saint-Simonisten, einer pseudo-religiösen Gruppierung, die in der Art eines frĂŒhen Sozialismus die Gesellschaft reformieren wollte. Hiervon ĂŒbernahm Liszt die Idee, die Ehe sei als ein GefĂ€ngnis der Frauen und insofern als verwerflich anzusehen. Nachdem diese Lehre in einer BroschĂŒre „Dans la rĂ©union de la familie“ vom 19. November 1831 und in einem Artikel „De la femme“ in La Globe vom 12. Januar 1832 veröffentlicht worden war, wurde am 22. Januar 1832 der Versammlungssaal der Saint-Simonisten von der Polizei geschlossen. FĂŒhrende Mitglieder, darunter der von Liszt verehrte PĂšre Enfantin wurden verhaftet und in einem Prozess am 27. und 28. August 1832 zu GefĂ€ngnis- und Geldstrafen verurteilt.Einzelheiten sind zu finden in: Oeuvres de Saint-Simon & d’Enfantin, publiĂ©es par les membres du conseil instituĂ© par Enfantin pour l’exĂ©cution de ses derniĂšres volontĂ©s, quarante-septiĂšme volume de la collection gĂ©nĂ©rale, RĂ©impression photomĂ©chanique de l’édition 1865-78, Aalen, Otto Zeller 1964. Liszt blieb aber auch weiterhin ĂŒberzeugter AnhĂ€nger ihrer Lehre.Dies wird in: Protzies: Studien zur Biographie Franz Liszts, S. 23, mit einem Zitat aus einem Brief an George Sand vom Herbst 1835 nachgewiesen. Als Gegengewicht kam seit dem FrĂŒhjahr 1834 ein Einfluss des AbbĂ© FĂ©licitĂ© de Lamennais hinzu, dessen Buch „Paroles d'un croyant“ Liszt mit Begeisterung las, und den er im Herbst 1834 in seiner Kolonie „La ChĂȘnaie“ („Der Eichenwald“) in der Bretagne besuchte. In dieser Zeit erwog Liszt den Gedanken, selbst Geistlicher zu werden.

Mit Hinblick auf Liszts Privatleben sind Beziehungen mit verschiedenen Damen bekannt. Als frĂŒhes Beispiel wird von Lina Ramann eine Madame Goussard erwĂ€hnt, mit der Liszt im Winter 1829/30 die Italienische Oper besuchte.Vgl.: Ramann: Franz Liszt I,2, S. 137. Von stĂ€rkerem Einfluss war Jeanne FrĂ©dĂ©rique AhĂ©nais de Saint-Hippolyte, Comtesse de Benoist de la PrunarĂšde, genannt AdĂšle de PrunarĂšde, die ihn im Januar 1831 bei einem Besuch auf ihrem Schloss Marlioz in Savoyen verfĂŒhrt haben soll. Hinzu kommt Charlotte Laborie, deren Mutter eine Heirat mit Liszt in die Wege leiten wollte. Auf DrĂ€ngen seiner eigenen Mutter, die ihn von ExzentrizitĂ€ten seines Verhaltens kurieren wollte, verlobte er sich im Sommer 1831 mit EuphĂ©mie Didier, doch wurde die Verlobung im Oktober 1831 von Liszt aufgelöst.Vgl.: Bellas, Jaqueline: Liszt et la fille de Madame D..., in: LittĂ©ratures, UniversitĂ© de Toulouse, no 2, automne 1980, S. 133ff. Seit MĂ€rz 1832 setzte er seine Beziehung mit Charlotte Laborie fort.

Musikalische EinflĂŒsse

Bis zum Ende des Jahres 1831 wurde Liszt mit FrĂ©dĂ©ric Chopin und Felix Mendelssohn Bartholdy bekannt. Bei einem Vergleich mit diesen KĂŒnstlern muss ihm bewusst geworden sein, dass er in seiner eigenen Entwicklung weit zurĂŒckgeblieben war. Seit dem Tod seines Vaters hatte er 1829 als neues Opus 1 eine Fantasie ĂŒber ein Tiroler-Lied aus der Oper „La FiancĂ©e“ („Die Braut“) von Auber herausgebracht. Danach war er als Komponist nicht mehr existent gewesen. Aus der Sicht Mendelssohns war er der dilettantischste aller Dilettanten.Vgl.: Mendelssohn Bartholdy: Reisebriefe 1830-32, S. 315. Chopin nannte ihn in einem seiner Briefe vom Dezember 1831 eine pianistische Null.Vgl.: Correspondance de FrĂ©dĂ©ric Chopin, L’ascension 1831- 1840, Recueillie, rĂ©visĂ©e, annotĂ©e et traduite par Bronislas Éduard Sydow en collaboration avec Suzanne et Denise Chainaye, Paris 1953-1960, S. 40.

thumb|Franz Liszt 1832, von Devéria.]

Zu Liszts SchĂŒlern gehörte in dieser Zeit Valerie Boissier aus Genf, deren Mutter Auguste in einem Tagebuch Aufzeichnungen hinterlassen hat. Zufolge dieser Quelle kĂŒndigte Liszt in der Lektion vom 11. Januar 1832 an, er werde seine pĂ€dagogische TĂ€tigkeit einstellen, um seine KrĂ€fte ganz auf seine Fortentwicklung als KĂŒnstler zu konzentrieren.Vgl.: Barbey-Boissier: La Comtesse de Gasparin et de sa famille, Correspondance et souvenirs 1813-1894, Tome premier, Paris 1902, S. 156f. Ein aktueller Anlass mag ein in der ersten JanuarhĂ€lfte 1832 verteiltes Flugblatt der Saint-Simonisten gewesen sein. In dem Flugblatt wurden alle KĂŒnstler dazu aufgerufen, ihre Kunst kĂŒnftig fĂŒr diese Religion zu verwenden und bessere Musik zu machen als Beethoven und Rossini.Vgl.: Mendelssohn: Reisebriefe 1830-32, S. 325.

Im FrĂŒhjahr 1832 kamen fĂŒr Liszt noch weitere EinflĂŒsse hinzu. Hierzu gehörten Vorlesungen von Francois Joseph FĂ©tis ĂŒber die kĂŒnftige Entwicklung der Musik. Liszt, der an den Vorlesungen teilgenommen hatte, schrieb viel spĂ€ter in einem Brief an FĂ©tis, die von diesem seinerzeit entwickelte Lehre von der "OmnitonalitĂ€t" und „Omnirhythmik“ sei fĂŒr die von ihm selbst als Komponist eingeschlagene Richtung von starker Bedeutung gewesen.Vgl.: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S. 169.

Am 20. April 1832 besuchte Liszt ein WohltĂ€tigkeitskonzert Paganini zugunsten der Opfer einer in Paris grassierenden Cholera-Epidemie.Das Datum, zu dem Liszt Paganinis Konzert besuchte, ergibt sich aus einer Notiz in seinem Terminkalender. In einem Brief vom 2. Mai 1832 an Pierre Wolff in Genf schrieb Liszt mit begeisterten Worten von Paganinis Spiel. Aus dem Brief geht auch hervor, dass Liszt mit intensiven technischen Übungen begonnen hatte.

Seit 14 Tagen arbeiten mein Geist und meine Finger wie zwei verdammte, – Homer, die Bibel, Platon, Locke, Byron, Hugo, Lamartine, Chateaubriand, Beethoven, Bach, Hummel, Mozart, Weber sind alle um mich herum. Ich studiere sie, betrachte sie, verschlinge sie mit Feuereifer; ĂŒberdies ĂŒbe ich 4 bis 5 Stunden (Terzen, Sexten, Oktaven, Tremolos, Repetitionen, Kadenzen etc. etc.) Ach! Sollte ich nicht verrĂŒckt werden, wirst du einen KĂŒnstler in mir wiederfinden!Aus dem Französischen ĂŒbersetzt nach: La Mara (Hrsg.): Franz Liszts Briefe, Erster Band, Leipzig 1893, S. 7f.


War Liszt insoweit zu neuer AktivitĂ€t erwacht, so hatte er auch seine Beteiligung an dem öffentlichen Konzertleben wieder aufgenommen. Am 28. Januar 1832 hatte er in Rouen ein WohltĂ€tigkeitskonzert gegebenVgl.: Goubault, Christian: Les trois concerts de Franz Liszt a Rouen, in: Revue internationale de musique française 13 (1984), S. 91., und am 2. April 1832, seinem Namenstag, hatte er in Paris in einem Konzert des SĂ€ngers Scavarda zusammen mit seinem belgischen SchĂŒler Louis Messenacker ein Klavier-Duo gespielt.Vgl.: Keeling: Liszt's Appearances in Parisian Concerts 1, S. 30f.

Der Brief an Pierre Wolff enthĂ€lt noch einen zweiten Teil vom 8. Mai 1832. Zufolge dieses zweiten Teils hatte Liszt Paris verlassen. Er hielt sich bis Anfang Juli 1832 als Gast einer Familie Reiset in EcoutebƓuf in der NĂ€he von Rouen auf. In EcoutebƓuf entstand eine noch unvollstĂ€ndige erste Version seiner Clochette-Fantasie op.2, einer Fantasie ĂŒber das Thema des Rondo-Finales von Paganinis zweitem Violinkonzert. Die Fertigstellung der Fantasie zog sich fĂŒr einige Zeit hin. Als Liszt am 5. November 1834 die Fantasie in einem Konzert von Berlioz spielte, war dies ein katastrophaler Misserfolg. Das Fiasko wurde als neuer Beweis dafĂŒr gesehen, dass Liszt zum Komponieren vollstĂ€ndig unfĂ€hig sei.Vgl. die Notiz zu dem Konzert in Le Pianiste vom 20. November 1834, S. 16, und den Brief Liszts an Jules Janin in: Vier (Hrsg.): L’artiste - le clerc, S. 145. Die IdentitĂ€t des von Liszt gespielten StĂŒcks wird in: Keeling: Liszt's Appearances in Parisian Concerts 1, S. 29, nachgewiesen.

Bis zum FrĂŒhjahr 1835 komponierte Liszt in großer Zahl noch weitere Werke. Hierzu gehören eine 1832 als durchkomponierte Variationen gestaltete Bearbeitung des Lieds Die Rose von Schubert und ein Klavierauszug der Symphonie fantastique von Berlioz, bei deren erfolgreicher erster AuffĂŒhrung am 5. Dezember 1830 Liszt anwesend gewesen war.Zu dem Erfolg der AuffĂŒhrung und Liszts Anwesenheit vgl. den Brief von Berlioz an seinen Vater vom 6. Dezember 1830, in: Berlioz, Hector: Correspondance gĂ©nĂ©rale, Ă©ditĂ©e sous la direction de Pierre Citron, I, 1803-1832, Paris 1972, S. 384. Es kommen etwa ein halbes Dutzend Werke fĂŒr Klavier und Orchester sowie Solowerke wie das EinzelstĂŒck Harmonies poĂ©tiques et religieuses und die Apparitions hinzu. Im Sommer 1834 entstanden ein Duo fĂŒr Klavier und Violine ĂŒber eine Mazurka Chopins und ein Duo fĂŒr zwei Klaviere ĂŒber zwei StĂŒcke aus Mendelssohns erstem Heft seiner Lieder ohne Worte.

Nur wenige dieser Werke erschienen im Druck, und auch in Liszts Konzertprogrammen sind sie nur Ă€ußerst selten und in sehr geringer Auswahl zu finden. Von den Zeitgenossen wurden sie als unverstĂ€ndliche Ausgeburten einer fantastischen ExzentrizitĂ€t angesehen und abgelehnt. Ein Beispiel ist eine Beurteilung François Stoepels in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung vom 30. September 1835.

Schaffen nach positiven Regeln ist offenbar nur ein Machen, ein Handwerk - Schaffen aber mit dem klaren Bewusstsein und mit dem lebendigen natĂŒrlichen GefĂŒhle vom RegelmĂ€ssigen u. Schönen, das ist Kunsttreiben - Schaffen ohne dies Bewusstsein, ohne dies lebendig natĂŒrliche GefĂŒhl, das eben jenes Bewusstsein mĂ€ssigt und regelt, ist Phantasterei, das heisst, Wirkungen hervorbringen, die keinen Wiederhall oder Anklang finden im ruhig heiteren GemĂŒthe, und die weniger aber noch Rechtfertigung hoffen dĂŒrfen vor dem kalten Verstande, der alle Erscheinungen dem minutiösen Prozess seiner anatomischen Zergliederungen unterwirft. Wenn nun endlich zu diesem extravaganten oder phantastischen Treiben, was den intellectuellen Gehalt des Werks anbelangt, sich Ă€ussere Formen gesellen, welche ganz original, sich jeder Vergleichung mit allem bisher Bekannten entziehen, sowohl ihrer inneren als Ă€usseren Construction nach, deren AusfĂŒhrung sich scheinbar physische Unmöglichkeiten entgegenstellen - wie könnte man fordern, ja nur hoffen, bei dem wohlwollendsten Richter selbst, wahre wĂŒrdigende Anerkennung zu finden?


In einem Baccalaureus-Brief an George Sand, der in der Pariser Revue et Gazette musicale vom 12. Februar 1837 erschien, schrieb Liszt spĂ€ter, er habe sich in einer Phase bestĂ€ndiger Krankheit befunden. Seine Kompositionen, die diesen Zustand naturgemĂ€ĂŸ spiegelten, hĂ€tten deshalb nicht anders ausfallen können. Fern davon, sich gegen die Kritik zu verteidigen, die er von vielen Seiten und auch von George Sand erhielt, sei es sein erster Gedanke gewesen, die Manuskripte ins Feuer zu werfen. In dem in den frĂŒhen 1850er Jahren von Liszt selbst redigierten Katalog seiner Werke blieben diese Kompositionen grĂ¶ĂŸtenteils entweder unerwĂ€hnt, oder sie wurden fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt. Im ĂŒblichen Konzertrepertoire werden sie bis heute ĂŒbergangen. Zu Liszts allgemeinem Ansehen als Komponist tragen sie deshalb kaum etwas bei.

Marie d’Agoult

thumb|Marie d’Agoult 1843, ÖlgemĂ€lde von Henri LehmannZu den wichtigsten Aspekten von Liszts Biografie gehört seine Beziehung mit der GrĂ€fin Marie d’Agoult, ohne deren Kenntnis der Gang seiner menschlichen und kĂŒnstlerischen Entwicklung nicht verstanden werden kann. Das genaue Datum des Beginns der Bekanntschaft ist bis heute ungewiss. In der Ă€lteren Literatur ĂŒber Liszt wurde das Jahr 1833 angegeben. Hierbei bezog man sich auf die in den 1860er Jahren begonnenen und nach ihrem Tod in Teilen veröffentlichten Memoiren Marie d’Agoults. Danach hatte sie im Dezember 1833 in Paris eine Marquise le Vayer besucht und bei dieser Gelegenheit Liszt kennengelernt.

Es hat sich inzwischen gezeigt, dass die Marquise bereits am 1. Februar 1833 verstarb.Vgl.: d’Agoult: Souvenirs I, S. 420f, Anm. 162. Zudem liegen zwischen Liszt und Marie d’Agoult gewechselte Briefe vom FrĂŒhjahr 1833 vor. Wenigstens hinsichtlich der Jahreszahl muss deshalb bei der rĂŒckblickenden Schilderung Marie d’Agoults in ihren Memoiren ein Irrtum unterlaufen sein. Andererseits war gerade fĂŒr Marie d’Agoult ein Datum zum Jahresende leicht zu merken, weil ihr Geburtstag auf den 31. Dezember fiel.Sie wurde am 30. Dezember 1805 geboren, doch war es ĂŒblich, den 31. Dezember als ihren Geburtstag anzusehen; vgl. hierzu: d’Agoult: Souvenirs I, S. 376, Anm. 4. Es wird deshalb angenommen, dass die von ihr geschilderte Begegnung mit Liszt bei der Marquise le Vayer sich im Dezember 1832 ereignete.

Im Winter 1831/32 hatte Marie d’Agoult zusammen mit ihrem Ehemann Charles und ihren Töchtern Claire und Louise eine Reise nach Genf unternommen. Nach einer starken Krise, bei der Marie d’Agoult an Selbstmord dachte, kehrte Charles d’Agoult zusammen mit den Töchtern nach Paris zurĂŒck. Seine Frau wurde in dem Sanatorium eines Dr. Coindet in Genf behandelt. Nachdem sie nach Paris zurĂŒckgekehrt war, bemĂŒhte sie sich im Dezember 1832 darum, sich in den ĂŒblichen gesellschaftlichen Verkehr wieder einzufinden. Sie besuchte am 22. Dezember die Herzogin von Rauzan, am 23. Dezember die Familie des Grafen Apponyi und am 24. Dezember die Familie Bellisen.Dies geht aus einem Brief an ihre Mutter vom 25. Dezember 1832 hervor; vgl.: Vier: Comtesse d’Agoult I, S. 130, und: d’Agoult: Souvenirs I, S. 420, Anm. 160. In diesen Kreisen verkehrte auch Liszt. So trat er am 30. Dezember 1832 in einem Privatkonzert bei den Apponyis auf.Vgl.: Apponyi: Journal II, S. 306. FĂŒr die Herzogin von Rauzan war er in einer leidenschaftlichen und hoffnungslosen SchwĂ€rmerei entflammt.Vgl.: Liszt-d’Agoult: Correspondance I, S. 19.

Wenngleich das Datum weiterhin unsicher bleibt, mag Marie d’Agoult bis zum Jahresende 1832 auch der Marquise le Vayer einen Besuch abgestattet haben. Als Liszts neuestes Werk war in einem von dem Verleger Maurice Schlesinger herausgegebenen Album soeben seine Bearbeitung von Schuberts Lied Die Rose nach einem Gedicht von Friedrich Schlegel erschienen. Es ist bekannt, dass Liszt sich mit dem Schicksal dieser „Rose“ identifizierte.Vgl. den Brief an Valerie Boissier vom 12. Dezember 1832 in: Bory, Robert: Diverses lettres inĂ©dites de Liszt, in: Schweizerisches Jahrbuch fĂŒr Musikwissenschaft 3 (1928), S. 11. In leicht verstĂ€ndlichen Metaphern wird geschildert, wie ein lyrisches Ich, die im Titel genannte „Rose“, mit naiver Freundlichkeit einer Dame begegnet. Das lyrische Ich wird dann von der Dame verfĂŒhrt, worauf es zugrundegeht.

Seit dem Beginn des Jahres 1833 lud Marie d’Agoult Liszt zu Besuchen ein. Er hatte schon bald Vertrauen gefasst und in vielen Einzelheiten sein Leben erzĂ€hlt. Es kristallisierten sich zwei Problembereiche heraus, die in seiner Beziehung mit Marie d’Agoult zu starken Konflikten fĂŒhrten, und an denen die Beziehung spĂ€ter zerbrach. Dabei ging es erstens um widersprĂŒchliche Elemente seiner kĂŒnstlerischen Persönlichkeit. Er schwĂ€rmte mit Worten von einem Leben in der Einsamkeit, wo er unsterbliche, nur fĂŒr einen kleinen Kreis Gleichgesinnter bestimmte Meisterwerke komponieren wollte.Ein charakteristisches Beispiel ist das Vorwort zu dem EinzelstĂŒck Harmonies poĂ©tiques et religieuses, das Liszt im Mai 1833 fĂŒr Marie d’Agoult komponierte. Nach dem Maßstab seines praktischen Tuns dagegen wurde er mit unwiderstehlicher Gewalt von Kreisen der Gesellschaft angezogen. Bei seinen Auftritten als Pianist war er mit zum Teil exzentrischem Gebaren darum bemĂŒht, von einem Publikum, das er - wie er sagte - verachtete, um jeden Preis Applaus zu erhalten.Zu Liszts Podiumsverhalten in dieser Zeit vgl. die Beschreibung in der von ihm selbst autorisierten „Notice Biographique sur Franz Liszt“, S.140, die im Mai 1843 als „Extrait de la Revue gĂ©nĂ©rale biographique et littĂ©raire, publiĂ©e sous la direction de M. E. Pascallet“ mit dem Verfassernamen Duverger erschien. Vgl. auch die Beschreibung in Le Pianiste vom 20. MĂ€rz 1835, S. 77. Auf diesen Aspekt seines KĂŒnstlertums legte Marie d’Agoult keinen Wert; er sollte sich vielmehr als Komponist bewĂ€hren.

Ein zweiter Problembereich hing mit Liszts Beziehungen mit einer Vielzahl von Damen zusammen. Aus seiner Korrespondenz mit Marie d’Agoult geht hervor, dass er hĂ€ufig Anfragen nach dem jeweiligen Stand der Dinge erhielt. Im Sommer 1834 kam es zu einer Eskalation, als Marie d’Agoult in Liszts Abwesenheit einige seiner alten Briefe fand. Sie waren an eine Dame gerichtet, mit der Liszt verlobt zu sein schien. Marie d’Agoult nahm irrtĂŒmlich an, dass die betreffende Dame AdĂšle de la PrunarĂšde sei.

Nach einem komplizierten Vorgang mit StillstĂ€nden und schlimmen Krisen zeigte sich im FrĂŒhjahr 1835, dass Marie d'Agoult schwanger war. Sie entschloss sich dazu, ihren Ehemann zu verlassen und mit Liszt zusammenzuleben. Um ihre Mutter ĂŒber Einzelheiten zu informieren, vereinbarte sie ein Treffen am 1. Juni in Basel.Vgl.: DupĂȘchez: Marie d’Agoult: S. 316, Anm. 37. Im Verein mit dem AbbĂ© de Lammenais unternahm Liszt einen vergeblichen Versuch, sie von ihrem Entschluss abzubringen. Sie verließ Paris am 28. Mai. Am 1. Juni verließ auch Liszt Paris, um ihr nachzufolgen. Als offizielle BegrĂŒndung fĂŒr seine Abreise wurde in einer Notiz in der Revue musicale vom 28. Juni 1835 mitgeteilt, es sei seine Absicht, fĂŒr eine Zeit von drei Jahren die Schweiz, Italien und Sizilien sowie eventuell auch Spanien zu bereisen, um neue EindrĂŒcke fĂŒr seine Fortentwicklung als KĂŒnstler zu gewinnen.

Wanderjahre

Liszt in der Schweiz

Marie d’Agoult traf am 31. Mai 1835 in Basel ein, wo ihre Mutter in dem Hotel „Drei Könige“ wohnte. Als am 4. Juni auch Liszt in Basel eingetroffen war, schrieb Marie d’Agoult einen Brief, um ihre Mutter ĂŒber ihren Entschluss, mit Liszt zusammenzuleben, zu informieren. Sie schob den Brief unter der TĂŒr des Hotelzimmers ihrer Mutter durch. Ihre Mutter, nachdem sie am Morgen des 5. Juni den Brief gelesen und danach ein GesprĂ€ch stattgefunden hatte, erlitt einen schweren Nervenschock. Um sie zu beruhigen, versprach Marie d’Agoult, zusammen mit ihrer Mutter nach Paris zurĂŒckzukehren. Dabei sagte sie sich im Stillen, fĂŒr ihre Mutter mĂŒsse offensichtlich gewesen sein, dass das Versprechen nicht ernst gemeint war. Nach einigen Tagen verließ Liszt Basel, um in einem kleinen Ort auf der Reiseroute nach Koblenz auf Marie d’Agoult zu warten. Am 14. Juni, nach einem letzten GesprĂ€ch mit ihrer Mutter, folgte Marie d’Agoult ihm nach. In der Begleitung von Marie d’Agoults KammermĂ€dchen und mit einigem GepĂ€ck bereiste das Paar verschiedene Ortschaften in der Schweiz.Der Aufenthalt in Basel und die Reise durch die Schweiz werden in vielen Einzelheiten in einem autobiographischen Manuskript Marie d’Agoults beschrieben, das in einer Abschrift ihrer Tochter Claire - leider nur unvollstĂ€ndig - erhalten ist; vgl.: d’Agoult: Souvenirs, S. 73ff.

Auf ihrer Reise durch die Schweiz fassten Liszt und Marie d’Agoult den Entschluss, sich bis zum FrĂŒhjahr 1836 in Genf niederzulassen.Vgl. den Brief Liszts an George Sand vom 27. Juni 1835 aus Hospenthal, in: Marix-Spire: Le cas George Sand, S. 611. Sie trafen am 19. Juli dort ein. Nachdem sie zuerst von der Familie Pierre Wolffs aufgenommen worden waren, bezogen sie am 28. Juli eine eigene Wohnung in der Rue Tabazan. Am 18. Dezember wurde ihre Tochter Blandine geboren. Sie hĂ€tte nach zeitgenössischem RechtsverstĂ€ndnis als Tochter Charles d’Agoults gegolten. Um dies zu verhindern, wĂ€hlte Marie d’Agoult bei der Anmeldung Blandines bei den Genfer Behörden fĂŒr sich selbst den Namen „Catherine-Adelaide MĂ©ran“.Vgl. hierzu: Vier: Comtesse d’Agoult I, S. 393f, Anm. 50.

Liszt und Marie d’Agoult hatten sich vorgenommen, spĂ€testens Anfang Juli 1836 zu einer Reise nach Italien aufzubrechen.Vgl. den Brief Liszts an George Sand vom FrĂŒhjahr 1836, in: Marix-Spire: Le cas George Sand, S. 617. Ihr Aufenthalt in der Schweiz zog sich aber bis in den Herbst 1836 hinein hin. Sie verließen am 13. Oktober Genf und kehrten ĂŒber Dijon nach Paris zurĂŒck. Schon zuvor hatte Liszt fĂŒr einige Male Genf verlassen. Er war am 29. Oktober 1835 fĂŒr einige Tage nach Lyon gereist. Im April 1836 reiste er fĂŒr ein weiteres Mal nach Lyon, um dort Konzerte zu geben. Er reiste dann von Lyon nach Paris und kehrte erst am 6. Juni nach Genf zurĂŒck. Im September 1836 erhielten Liszt und Marie d’Agoult einen Besuch George Sands. Es schloss sich ein gemeinsamer Aufenthalt in Chamonix an.

Schon bald nach seiner Ankunft in Genf wurde Liszt von gesellschaftlichen Verpflichtungen in Anspruch genommen. Er besuchte Bekannte, darunter die Herzogin von Rauzan, seine SchĂŒlerin Maria Potocka und die Familie Boissier. Zudem nahm er als ehrenamtlicher Klavierprofessor an Sitzungen des Direktoriums und an dem Unterrichtsbetrieb des in dieser Zeit gegrĂŒndeten Genfer Konservatoriums teil.Einzelheiten sind zu finden in: Bory, Robert: Une retraite romantique, deuxiĂšme Ă©dition considĂ©rablement augmentĂ©e, Lausanne 1930. Nachdem am 14. August sein SchĂŒler Hermann Cohen aus Paris eingetroffen warDas Datum geht aus Liszts Terminkalender hervor., wurde aus dem ursprĂŒnglich vorgesehenen Zusammenleben Liszts mit Marie d’Agoult zu zweit ein quasi familiĂ€res Zusammenleben zu dritt.Vgl.: d’Agoult: Souvenirs I, S. 330ff. Am 1. Oktober 1835 trat Liszt in einem Konzert des FĂŒrsten Belgiojoso auf, und am 6. April 1836 gab er im Genfer Casino ein eigenes Konzert.

Bis zum Antritt seiner Reise in die Schweiz hatte Liszt Grund, sich als wenig erfolgreichen, dabei aber ambitionierten Komponisten mit hochstehenden Idealen anzusehen. Seine letzte Komposition war ein unfertig gebliebener Psaume instrumental fĂŒr Klavier und Orchester ĂŒber die gregorianische Melodie De profundis gewesen, den er dem AbbĂ© de Lamennais hatte widmen wollen.Die unfertige Komposition nebst einer von Liszt gestalteten Titelseite ist auf den BlĂ€ttern 1-87 in einem Skizzenbuch enthalten, das unter der Signatur GSA 60/H1 heute im Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar, aufbewahrt wird. In der Gazette musicale vom 7. Juni 1835 war sein KlavierstĂŒck Harmonies poĂ©tiques et religieuses als Beilage enthalten. Im Einklang mit dem Charakter dieser Werke hatte Liszt in einer Artikelserie De la situation des artistes, die seit Anfang Mai 1835 in sieben Folgen in der Gazette musicale erschien, das Musikleben in Paris in allen Teilen umfassend kritisiert. In seinem vierten Artikel hatte er Komponisten, die aus GrĂŒnden ihres wirtschaftlichen Vorteils InstrumentalstĂŒcke ĂŒber populĂ€re Melodien produzierten, mit Verachtung bedacht.

In der Zeit von Liszts Aufenthalt in Genf stellten sich finanzielle Probleme ein.Vgl. den Brief Liszts an George Sand vom Herbst 1835 in Marix-Spire: Le cas George Sand, S. 614f. Mit RĂŒcksichtnahme auf den Zusammenhalt seiner Beziehung mit Marie d'Agoult konnte er keine Konzertreisen unternehmen; und von seinen ambitionierten Werken war ein Geldgewinn kaum zu erwarten. Zur Lösung seines Problems schloss er sich dem Beispiel der von ihm in seiner Artikelserie kritisierten Komponisten mit Werken in sekundĂ€ren Gattungen an. Bis Ende Oktober 1835 entstanden neben einem Walzer op.6 eine Fantasie op.9 ĂŒber Melodien aus HalĂ©vys Oper La Juive sowie als Trois morceaux de salon op.5 eine Fantaisie romantique ĂŒber zwei Schweizer Melodien, ein Rondeau fantastique ĂŒber das Lied El contrabandista des spanischen Tenors Manuel Garcia und eine Fantasie ĂŒber die Arie „I tuoi frequenti palpiti“ aus Giovanni Pacinis Oper Niobe. Danach komponierte Liszt noch eine Fantasie op.7 ĂŒber Melodien aus Bellinis Oper I Puritani sowie zwei Fantasien La serenata e L’orgia und La pastorella dell’Alpi e Li marinari op.8 ĂŒber Melodien aus Rossinis SoirĂ©es musicales. An einem von dem Verleger Knop in Basel herausgegebenen Album „Die Schweizerischen AlpenklĂ€nge“ war er mit Trois airs suisses op.10 ĂŒber beliebte Schweizer Lieder beteiligt.

Ein Brief an Ferdinand Hiller vom November 1835 zeigt, dass Liszt den Widerspruch zwischen den in seiner Artikelserie formulierten Idealen und seinen aktuellen Werken selbst erkannte. Er wies mit entschuldigenden Worten auf die fĂŒr einen populĂ€ren Geschmack bestimmten Kompositionen hin. Bis zum FrĂŒhjahr 1837 werde er Werke von dauerhafter GĂŒltigkeit komponieren, die seinen unglĂ€ubigen Freunden die Augen öffnen wĂŒrden. Diese Werke sollten 24 „Grandes Etudes“ und ein Zyklus „Marie“ von sechs lyrischen KlavierstĂŒcken sein. Liszt wollte außerdem das EinzelstĂŒck Harmonies poĂ©tiques et religieuses zu einem Zyklus von etwa einem halben Dutzend StĂŒcken erweitern.Der Brief an Hiller ist in: KroĂł, György: „La ligne intĂ©rieure“ - the Years of Transformation and the „Album d’un voyageur“, in: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae 28 (1986), S. 250, zu finden.

Konfrontation mit Thalberg

Im Winter 1835/36 debĂŒtierte Sigismund Thalberg in Paris. Bei einem ersten Auftritt am 16. November in einem Privatkonzert bei dem österreichischen GesandtschaftssekretĂ€r Rudolph Apponyi wurde er von den anwesenden KĂŒnstlern, darunter Rossini und Meyerbeer, mit Begeisterung begrĂŒĂŸt und als Erfinder eines neuartigen Klavierstils gerĂŒhmt.Vgl.: Apponyi: Journal III, S. 151. Nach weiteren Auftritten in privaten Kreisen verbreiteten sich GerĂŒchte, wonach Thalberg ein pianistisches non plus ultra sei.Vgl. den Bericht Joseph Mainzers in der Neuen Zeitschrift fĂŒr Musik 4 (1836), S. 166. Sein öffentliches DebĂŒt am 24. Januar 1836 in einem Konservatoriumskonzert, bei dem er seine Grande Fantaisie op.22 spielte, wurde von Berlioz in der Revue et Gazette musicaleIm November 1835 wurden die Revue musicale und die Gazette musicale zur Revue et Gazette musicale zusammengefasst. enthusiastisch rezensiert. Am 2. April trat Thalberg in einem Konzert bei dem Klavierbauer Fournier auf, und am 16. April gab er im Italienischen Theater ein eigenes Konzert.

WĂ€hrend Liszt im April und Mai 1836 in Lyon mit einem einzelnen seiner Konzerte einen Ertrag von etwa 500-600 Francs erzielteDies geht aus Briefen Liszts an Marie d’Agoult aus Lyon hervor., nahm Thalberg mit seinem Konzert im Italienischen Theater einen Betrag von 10.000 Francs ein.Vgl.: Apponyi: Journal III, S. 231. Es kam ein von Thalberg schon bis dahin erworbenes, enormes kĂŒnstlerisches Ansehen hinzu. In einem Bericht in Le MĂ©nestrel vom 13. MĂ€rz 1836 hieß es hierzu:

Moscheles, Kalkbrenner, Chopin, Liszt und Herz sind fĂŒr mich große KĂŒnstler und werden es auch immer bleiben; aber Thalberg ist der Erfinder einer neuartigen Kunst, die ich mit nichts vergleichen kann, was vor ihm existierte. Thalberg ist nicht bloß der fĂŒhrende Pianist der Welt, er ist zugleich ein Ă€ußerst hervorragender Komponist.Aus dem Französischen ĂŒbersetzt nach: Marix-Spire: Le cas George Sand, S. 471.


Durch Schilderungen von Bekannten und Berichte der Presse erfuhr Liszt in Genf von Thalbergs DebĂŒt. Weitere Informationen erhielt er in Lyon. Er hatte das CafĂ© de la Perle entdeckt, wo ihm in großer Auswahl aktuelle Zeitungen und Zeitschriften zur VerfĂŒgung standen.Vgl.: Liszt-d’Agoult: Correspondance I, S.158. In einem Gedankenspiel malte er sich aus, ein Konzert Thalbergs zu besuchen. Er wĂŒrde diesen gönnerisch loben, wohl wissend, dass die Aufmerksamkeit des Publikums sich auf ihn selbst konzentrierte.Vgl. den Brief Liszts an Marie d’Agoult vom 29. April 1836, in: Liszt-d’Agoult: Correspondance I, S.147ff. Als er dann am 13. Mai in Paris eintrafDas Datum geht aus Liszts Terminkalender hervor., war Thalberg schon lĂ€ngst ĂŒber BrĂŒssel nach London abgereist.

Am 18. Mai 1836 gab Liszt in den Salons Erard vor einem von ihm selbst eingeladenen Publikum eine Matinee. Er spielte einige seiner neuen Kompositionen, die Fantasie La serenata e L’orgia sowie die Fantasien ĂŒber Melodien aus den Opern La Juive und I Puritani.In der Ă€lteren Liszt-Literatur wurde irrtĂŒmlich angenommen, Liszt habe die sogenannte „Hammerklavier-Sonate“ op.106 von Beethoven gespielt; vgl. beispielsweise: Walker: Virtuoso Years, S. 236. Liszts wirkliches Repertoire geht aus seinem Brief an Marie d’Agoult vom 22. Mai 1836, in: Liszt-d’Agoult: Correspondance I, S. 164, hervor. Danach hatte er seine Fantasien „La Juive“ und „La serenata e L’orgia“ sowie ein „morceau de Rubini“ gespielt. Die IdentitĂ€t des „morceau de Rubini“ ergibt sich aus dem Artikel „Listz“ von Berlioz sowie einer handschriftlichen Korrektur Liszts in einer deutschen Übersetzung Lina Ramanns des Artikels von Berlioz in dem ersten Band ihrer Liszt-Biografie. Es wird dort eine „Fantasie ĂŒber den Piraten“ erwĂ€hnt. In seiner Korrektur ersetzte Liszt „Piraten“ durch „Puritaner“; vgl. hierzu: Protzies: Studien zur Biographie Franz Liszts, S. 66. Berlioz veröffentlichte in der Revue et Gazette musicale vom 12. Juni 1836 einen lobenden Artikel „Listz“ (sic!). Auch von anderen Beurteilern wurde anerkannt, dass es Liszt gelungen sei, etwas mehr Ruhe und Ordnung in sein Spiel und seine Kompositionen hineinzubringen.Vgl. die Schilderung Joseph Mainzers in der Neuen Zeitschrift fĂŒr Musik vom 10. Juni 1836, S. 195.

Bevor Thalberg Anfang Februar 1837 zu seinem zweiten Aufenthalt in Paris erschien, veröffentlichte Liszt in der Revue et Gazette musicale vom 8. Januar 1837 eine von AnzĂŒglichkeiten und polemischen AusfĂ€llen durchzogene Rezension, in der er Thalbergs Grande Fantaisie op.22 sowie die beiden Capricen op.15 und op.19 in Grund und Boden verriss. Nach der Darstellung Liszts war der Erfolg Thalbergs ausschließlich durch Propaganda zustande gekommen. Die Redaktion der Revue et Gazette musicale distanzierte sich in einer Anmerkung von dem Inhalt der Rezension.

Liszts Verhalten löste eine Welle der allgemeinen Empörung aus.Als Beispiel vgl. den Artikel VirtuositĂ€t gegen VirtuositĂ€t oder Liszt gegen Thalberg in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung 39 (1837), S. 106ff. Zufolge einer Notiz in der Neuen Zeitschrift fĂŒr Musik vom 20. Januar 1837, S. 28, wĂŒnschte Schumann, die Rezension Liszts wĂ€re besser ungedruckt geblieben. Thalberg trat dann am 16. Februar bei dem Professor des Konservatoriums Zimmermann und am 2. April bei dem Klavierbauer Fournier auf. Am 12. MĂ€rz gab er im Saal des Konservatoriums ein eigenes Konzert. Obgleich auch Liszt in vielen Konzerten aktiv gewesen war, gelang es Thalberg, den Rang zu bestĂ€tigen, der ihm ein Jahr zuvor zugesprochen worden war.Vgl. die ausfĂŒhrliche Rezension Joseph d’Ortigues in der Revue et Gazette musicale vom 19. MĂ€rz 1837, S. 96ff, und den Bericht Joseph Mainzers in der Neuen Zeitschrift fĂŒr Musik 6 (1837), S. 185. Zufolge der Schilderung Mainzers wurde Thalberg zum „König der Pianisten“ proklamiert, wĂ€hrend Liszt weichen musste. Beide Autoren waren Freunde Liszts. Am 31. MĂ€rz waren in einer WohltĂ€tigkeitsveranstaltung nacheinander beide KĂŒnstler zu hören. Aus der Auseinandersetzung mit Liszt ging Thalberg eher als der Gewinner hervor.Vgl. die Rezension in der Revue et Gazette musicale vom 9. April 1837, S. 126, in der Liszt den Rat erhielt, sich Thalberg zum Vorbild zu nehmen. In La Presse vom 10. April 1837, in einer Rezension von Liszts "Abschiedskonzert" vom Vortag, wurde ihm der gleiche Rat erteilt. Weitere Kommentare der zeitgenössischen Presse sind in: Gooley: The Virtuoso Liszt, und in den Anmerkungen zu Liszts Thalberg-Rezension in: Liszt, Franz: SĂ€mtliche Schriften, herausgegeben von Detlef Altenburg, Band 1: FrĂŒhe Schriften, herausgegeben von Rainer Kleinertz, kommentiert unter Mitarbeit von Serge Gut, Wiesbaden 2000, zu finden. Bei seinen nachfolgenden Aufenthalten in Paris nahm sein Erfolg als Pianist und als Komponist noch weiter zu. Bis in die Mitte der 1840er Jahre hinein wurde er in ganz Europa als vorbildlicher Virtuose und als einer der erfolgreichsten Klavierkomponisten seiner Zeit angesehen.Dies wird in: Protzies: Studien zur Biographie Franz Liszts, S. 220ff, gezeigt.

Nachdem im FrĂŒhjahr 1837 die kĂŒnstlerische Auseinandersetzung Liszts mit Thalberg schon abgeschlossen und Thalberg ĂŒber BrĂŒssel nach London gereist war, folgte noch eine mit BeitrĂ€gen in der Revue et Gazette musicale ausgetragene Debatte zwischen Liszt und François-Joseph FĂ©tis, dem Direktor des BrĂŒsseler Konservatoriums. In einem Artikel MM. Thalberg et Liszt in der Nummer vom 23. April 1837 kam FĂ©tis mit Anrede Liszts zu dem Resultat:

Sie sind ein großer KĂŒnstler, Ihr Talent ist immens, und Ihre FĂ€higkeit, alle Arten von Schwierigkeiten zu ĂŒberwinden, unvergleichlich. Sie haben auch das von Ihnen vorgefundene System bis zu einem nicht mehr zu ĂŒberbietenden Punkt ausgedehnt. Dabei sind Sie aber innerhalb dieses Systems geblieben, indem Sie es nur in Einzelheiten modifizierten. Kein neuer Gedanke hat den Wundern Ihres Spiels den Charakter einer eigenen Schöpfung verliehen. Dies soll nicht besagen, dass nicht eines Tages eine glĂŒckliche Idee Ihren seltenen FĂ€higkeiten neuen Antrieb geben könnte; doch bisher ist dieser Punkt noch nicht erreicht. Sie sind Abkömmling einer Schule, die abgeschlossen ist und nichts mehr zu beschicken hat, aber nicht ReprĂ€sentant einer neuen Schule. Dieser Mann ist Thalberg: Sie sehen, dies ist der ganze Unterschied zwischen Ihnen beiden.Nach dem französischen Original ins Deutsche ĂŒbersetzt. FĂ©tis hatte mehrfach in BrĂŒssel das Spiel Thalbergs und Ende Oktober oder Anfang November 1836 bei einem Besuch in Paris auch das aktuelle Spiel Liszts gehört.


In einer Antwort in der Revue et Gazette musicale vom 14. Mai 1837 reagierte Liszt mit neuer Polemik. Dabei sprach er FĂ©tis jede Kompetenz zur Beurteilung von Klaviermusik ab. Eine Woche spĂ€ter, im Zusammenhang mit einem offenen Brief, in dem FĂ©tis sich ĂŒber persönliche Angriffe Liszts beschwerte, erklĂ€rte die Redaktion der Revue et Gazette musicale die Debatte fĂŒr beendet. Im Gesamtergebnis hatte Liszt sich in der Hauptsache nur Feinde gemacht.

Liszt in Italien

thumb|Franz Liszt 1839, ÖlgemĂ€lde von Lehmann.]Nach dem Ende der Pariser Konzertsaison schloss sich fĂŒr Liszt und Marie d’Agoult seit Anfang Mai bis zum 24. Juli 1837 ein Aufenthalt bei George Sand in Nohant an. Es folgte ein Aufenthalt in Lyon, wo Liszt unter dem Eindruck eines Arbeiteraufstandes nach einem Lied von Claude Joseph Rouget de Lisle aus dem Umfeld der Saint-Simonisten das KlavierstĂŒck Lyon komponierteZur Entstehungszeit von Lyon vgl.: Kleinertz, Rainer: SubjektivitĂ€t und Öffentlichkeit - Liszts RivalitĂ€t mit Thalberg und ihre Folgen, in: Liszt-Studien 4, S. 63. Zur Herkunft der von Liszt verwendeten Melodie vgl.: KroĂł, György: AnnĂ©es de PĂ©lerinage - PremiĂšre AnnĂ©e: Versions and Variants. A Challenge to the Thematic Catalogue, in: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae 34 (1992), S. 419. und am 2. August ein WohltĂ€tigkeitskonzert gab. Über verschiedene Stationen in der Schweiz reisten Liszt und Marie d’Agoult dann nach Genf, um von dort zu einer Reise nach Italien aufzubrechen. Sie trafen am 14. August am Lago Maggiore ein. Nach Aufenthalt in und Como und Mailand ließen sie sich seit dem 6. September in Bellagio am Comersee nieder. Anfang November 1837 kehrten sie nach Como zurĂŒck, wo am 24. Dezember ihre zweite Tochter Cosima geboren wurde.

Der Aufenthalt Liszts und Marie d’Agoults in Italien zog sich fĂŒr mehr als zwei Jahre hin.Viele Einzelheiten sind in: Chiappari, Luciano: Liszt a Firenze, Pisa e Lucca, Pacini, Pisa 1989, dokumentiert. In der Zeit eines lĂ€ngeren Aufenthalts in Rom wurde am 9. Mai 1839 als drittes Kind ihr Sohn Daniel geboren. Danach folgten noch Aufenthalte in Lucca und San Rossore sowie im Oktober 1839 kĂŒrzere Aufenthalte in Gombo, Pisa und Florenz. Am 18. Oktober begleitete Liszt Marie d’Agoult nach Livorno. Sie kehrte ĂŒber Genua, Marseille und Lyon nach Paris zurĂŒck. Dagegen reiste Liszt ĂŒber Florenz und Venedig nach Triest.

Im September 1837 in Bellagio hatte Liszt zur Komposition der im November 1835 in dem Brief an Hiller angekĂŒndigten Meisterwerke angesetzt. Mit dem Arbeitstitel „Preludes“ hatte er bis zum 22. Oktober 12 Grandes Etudes fertiggestellt.Der Termin geht aus Marie d’Agoults Tagebuch hervor; vgl.: d’Agoult: Souvenirs II, S. 151. Als neues Projekt sollten JahrgĂ€nge eines Album d’un voyageur entstehen. Das Album sollte Kompositionen enthalten, die auf die von Liszt bereisten LĂ€nder verwiesen. Im November 1837 erschienen bei Ricordi in Mailand die Trois airs suisses op.10 als Album d’un voyageur (1re AnnĂ©e Suisse). In Bellagio erweiterte Liszt das StĂŒck Lyon zu einem Zyklus von einem halben Dutzend „fragments poĂ©tiques“. Sie sollten Ende 1838 mit dem Titel „Impressions et poĂ©sies“ als Fortsetzung des Albums erscheinen.Die „Impressions et PoĂ©sies“ erschienen mit starker VerspĂ€tung im Juli 1841 als erster Jahrgang der AnnĂ©es de PĂ©lerinage. Zur weiteren Fortsetzung des Albums entstanden bis Anfang September 1838 die Fleurs mĂ©lodiques des Alpes, neun KlavierstĂŒcke nach Schweizer Liedern.Die Fleurs mĂ©lodiques des Alpes erschienen im November 1840 als zweiter Jahrgang des Album d’un voyageur. SpĂ€testens bis zum Dezember 1837 komponierte Liszt zudem einen Galop chromatique op.12.

Im Oktober 1837 hatte Liszt Einladungen zu Konzerten in Wien erhalten. Er wĂ€re den Einladungen grundsĂ€tzlich gerne gefolgt, und bis Ende Dezember 1837 wurde in Wien tĂ€glich seine Ankunft erwartet.Dies geht aus einem Brief Clara Wiecks an Schumann vom 25. Dezember 1837 hervor; vgl.: Schumann, Clara und Robert: Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von Eva Weissweiler, Band I, 1832-1838, Basel Frankfurt a. M. 1984, S.60. Aus GrĂŒnden seines Privatlebens musste er jedoch in Italien bleiben. Dies hing zum einen damit zusammen, dass er Marie d'Agoult wegen ihrer Schwangerschaft nicht alleine zurĂŒcklassen durfte. Zum anderen hatte er in Genf seine Tochter Blandine der Obhut eines Pastors Demelleyer ĂŒbergeben. Aus Briefen von Bekannten erfuhren Liszt und Marie d'Agoult, dass das Kind erkrankt und schlecht behandelt worden war. Da der Pastor Demelleyer das Kind nicht herausgeben wollte, hĂ€tte Liszt nach Genf reisen mĂŒssen, um seine Tochter abzuholen. Er nahm sich vor, dies im April 1838 zu tun.Zur biographischen Situation Liszts in dieser Zeit vgl.: Protzies: Studien zur Biographie Franz Liszts, S.87.

Im MĂ€rz 1838 reisten Liszt und Marie d'Agoult nach Venedig. Sehr spontan fasste Liszt dort Anfang April 1838 den Entschluss, zugunsten der Opfer einer Hochwasserkatastrophe in Ungarn Konzerte in Wien zu geben.In einem Brief an Tito Ricordi vom 1. April 1838 gab Liszt an, er werde fĂŒr die kommenden drei Wochen in Venedig bleiben; vgl.: Tibaldi-Chiesa, Mary: Franz Liszt in Italia, in: Nouva Antologia 386 (1936), S.143. Einen Tag spĂ€ter kĂŒndigte er in einem Brief an den Grafen AmadĂ© seine Reise nach Wien an; vgl.: Suttoni, Charles: Liszt Correspondance in Print: An Expanded Annotated Bibliographie, in: Journal of the American Liszt Society 25 (January-June 1989), S.107. Er hatte mit Marie d'Agoult eine Abwesenheit von nicht mehr als zwei Wochen abgesprochen. TatsĂ€chlich kehrte er aber erst nach knapp zwei Monaten nach Venedig zurĂŒck. Marie d'Agoult war dort im April schwer erkrankt. Sie hatte sich im Mai erholt. Nachdem von einer RĂŒckkehr Liszts nichts zu bemerken war, hatte sie eine Liebesbeziehung mit einem Grafen Emilio Malazzoni begonnen.Vgl. Marie d'Agoults Schilderung in ihrem autobiographischen Manuskript Episode de Venise, in: d’Agoult: Souvenirs II, S.247ff. In: Protzies: Studien zur Biographie Franz Liszts, S.92, wird gezeigt, dass die in dem Manuskript mit den Namen "Theodoro" und "Miri" angesprochene Person der Graf Emilio Malazzoni war. Liszt auf seiner Seite hatte sich mit Damen in Wien eingelassen.Vgl.: d’Agoult: Souvenirs II, S.251. Liszt hat am 20. Juni 1840 in London die Schilderung Marie d'Agoults gelesen und mit einem handschriftlichen Kommentar deren Richtigkeit bestĂ€tigt; vgl.: d’Agoult: Souvenirs II, S.332, Anm.266. Durch die Beziehung Liszts und Marie d'Agoults war damit ein Riss hindurchgegangen, der sich nur mĂŒhsam und allenfalls vorlĂ€ufig beheben ließ. Damit mag es zusammenhĂ€ngen, dass Liszts Elan als Komponist verflogen war. Im Jahr 1838 entstanden in großer FĂŒlle Klavierwerke nach fremden Melodien. Dagegen liegen aus dem Jahr 1838 keine Originalwerke vor.

Im Herbst 1839 wurden drei KlavierkonzerteGemeint sind FrĂŒhversionen der viel spĂ€ter veröffentlichten Konzerte in Es-Dur und A-Dur sowie ein weiteres Konzert in Es-Dur, dessen Themen Liszt einigen der von ihm als Wunderkind veröffentlichten Werken entnahm. Zur Entstehungszeit vgl. Jay Rosenblatts Vorwort zur Ausgabe Editio Musica des Konzerts in Es-Dur op. posth. und ein Dante-Fragment, eine FrĂŒhversion in zwei SĂ€tzen der spĂ€teren Dante-Sonate, fertiggestellt. In dieser Zeit waren Liszt und Marie d'Agoult zu einen vorlĂ€ufigen Frieden gelangt. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Liszt - beginnend mit dem Winter 1839/40 - fĂŒr eine Zeit von anderthalb Jahren als reisender Virtuose Konzerte geben wĂŒrde, um Kapital zusammenzubringen. Nach Ablauf dieser Frist wĂŒrde er zusammen mit Marie d'Agoult nach Italien zurĂŒckkehren und sich dort niederlassen. Er wĂŒrde dann Opern und andere Werke in reprĂ€sentativen Gattungen komponieren.Vgl. Marie d'Agoults Briefe vom 26. September 1839 an Henri Lehmann, in: Joubert: Correspondance romantique, S.31, sowie vom 6. Oktober 1839 an Adolphe Pictet, in: Bory: Retraite romantique, S.164. Vgl. auch die Notiz vom 23. Juli 1839 in Marie d'Agoults Tagebuch, in: d'Agoult: Souvenirs II, S.206.

In der Zeit von Liszts Aufenthalt in Italien hatte sein Rivale Thalberg weite Teile Europas bereist. Er war ĂŒberall in Konzerten erfolgreich gewesen und wurde in Superlativen gerĂŒhmt. EinkĂŒnfte von sensationeller Höhe kamen noch hinzu. Liszt, der hiervon erfuhr, sah im Sommer 1839 die Karriere Thalbergs respektvoll an. Zufolge einer Notiz in Marie d'Agoults Tagebuch war Liszt damit zufrieden, wenigstens als "der Zweite" oder als "Teil des Ersten" zu gelten; denn den ersten Platz musste er mit Thalberg teilen.Vgl.: d’Agoult: Souvenirs I, S.201.

Konzertreisen

Winter 1839/40 bis Sommer 1841

Die zwischen Liszt und Marie d'Agoult in Italien vereinbarte Zeit von anderthalb Jahren, in denen Liszt mit Konzerten Geld verdienen wollte, begann im Winter 1839/40 mit Konzerten in Wien und Ungarn. Sie ging im Mai/Juni 1841 mit einem Aufenthalt Liszts in London zu Ende. In dieser Zeit hatte er neben Erfolgen auch Misserfolge erlebt. Sein Vorhaben, Kapital zu erwirtschaften, um sich dann zusammen mit Marie d'Agoult in Italien niederzulassen, war ein Fehlschlag gewesen. Er hatte nicht nur kein Kapital erspart, sondern im Gegenteil noch Schulden gemacht.

Zu den erfolgreichen Teilen der anderthalb Jahre hatten die Konzerte vom Winter 1839/40 in Wien und Ungarn gehört. Speziell in Ungarn wurde Liszt in der Art eines heimgekehrten Nationalhelden begrĂŒĂŸt. Am 4. Januar 1840 wurde ihm im Theater von Pest von einer Gruppe ungarischer Magnaten ein EhrensĂ€bel ĂŒberreicht. Seit dem Dezember 1839 gab es zudem eine Initiative, Liszt in den Adelsstand zu erheben. Auch in seinen Konzerten in der ersten MĂ€rzhĂ€lfte 1840 in Prag wurde er stĂŒrmisch gefeiert. Weitere Erfolge waren Konzerte, die Liszt im Februar und MĂ€rz 1841 in Belgien gab. Bei dieser Gelegenheit traf er in BrĂŒssel mit FĂ©tis zusammen, mit dem er sich versöhnte.

An anderen Orten stellte sich die Situation problematisch dar. Im MĂ€rz 1840 in Leipzig beispielsweise sah Liszt sich einer Opposition gegenĂŒbergestellt. Er reiste dann nach Paris, wo er in einer Serie von Konzerten wenigstens 15.000 Francs verdienen wollte.Vgl.: Liszt-d'Agoult: Correspondance I, S.407. Es kam aber als einziges Konzert nur eine Matinee am 20. April 1840 in den Salons Erard zustande, zu der Liszt selbst sein Publikum eingeladen hatte. In Paris wurden UmstĂ€nde von Liszts Aufenthalt in Ungarn, insbesondere die Verleihung des EhrensĂ€bels, kritisch gesehen. Zudem gab es eine starke Fraktion der Verehrer Thalbergs, der selbst anwesend war, jedoch keine Konzerte gab. Ein Jahr spĂ€ter verzichtete Thalberg auf einen angekĂŒndigten neuen Aufenthalt in Paris.Vgl.: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.72. In dieser Saison gelang Liszt in Paris ein durchschlagender Erfolg. Thalberg war aber zu Beginn des Jahres 1841 von Frankfurt a. M. ĂŒber Weimar nach Leipzig gereist, wo er Mendelssohn und Schumann besuchteZu dem Besuch bei Mendelssohn am 7. Februar vgl. die Schilderung von Mendelssohns SchĂŒler Horsley, in: Horsley, Charles Edward: Reminiscences of Mendelssohn, in: Dwight’s Journal of Music XXXII (1871/72), S.355; zu dem Besuch bei Schumann vgl. die Schilderung Clara Schumanns, in: Schumann, Robert: TagebĂŒcher, Band II, herausgegeben von Gerd Nauhaus, Leipzig 1987, S.146f. und am 8. Februar ein Konzert gab.Zu dem Konzert vgl. die enthusiastische Rezension Schumanns in derNeuen Zeitschrift fĂŒr Musik 14 (1841), S.58. Er konzertierte dann in Warschau. Nach zwei Konzerten im April 1841 in Wien wurde er dort als Besieger Liszts gepriesen.Vgl. den Bericht eines Wiener Korrespondenten in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung 43 (1841), S.753f.

Zu den stĂ€rksten Misserfolgen Liszts hatten seine Aufenthalte in Großbritannien gehört. Neben Konzerten in London hatte er im August und September 1840 sowie im Winter 1840/41 als Mitglied einer von Lewis Henry Lavenu geleiteten Konzertgesellschaft StĂ€dte in England, Schottland und Irland bereist. Schon die erste Tournee hatte zu einem Verlust von mehreren tausend Francs gefĂŒhrt.Vgl.: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.26. Die zweite Tournee mĂŒndete in einem finanziellen Debakel. Liszt selbst war mit einem Verlust beteiligt, den er in einem Brief an Franz Schober mit mehr als 15.000 Gulden C.M. bezifferte.Vgl.: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S.78. Dies entsprach einem Betrag von mehr als 43.000 Francs.1 Gulden C.M. entsprach 2 C.M. FĂŒr die weitere Umrechnung in Francs kann ein aktueller Wechselkurs einer Notiz in der Revue et Gazette musicale vom 7. Januar 1841, S.24, entnommen werden. Im Februar und MĂ€rz 1841 verdiente Liszt mit Konzerten in Belgien Geld in einer GrĂ¶ĂŸenordnung von 15.000 - 20.000 Francs.Vgl. die SchĂ€tzung eines belgischen Korrespondenten in der Revue et Gazette musicale 1841, S.183. Er hatte sich aber einen luxuriösen Lebensstil angewöhnt, das ganze Geld ausgegebenVgl. die Schilderung in den Memoiren des Bankiers Charles Dubois in LĂŒttich, in: Burger: Liszt, S.147. und in BrĂŒssel sogar noch Schulden gemacht.Vgl. den Brief Liszts an Marie d'Agoult vom 19. Juni 1841, in: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.162.

Auch in der Entwicklung von Liszts Privatleben hatte es Höhen und Tiefen gegeben. In seinen Briefen an Marie d'Agoult vom Winter 1839/40 hatte er damit begonnen, mit seinen gesellschaftlichen Erfolgen zu prahlen. Zufolge seiner Schilderungen verkehrte er ausschließlich in Kreisen der höchsten Aristokratie. Daneben interessierte er sich vor allem fĂŒr den Applaus, den er in seinen Konzerten erhielt, und fĂŒr das Geld, das er verdiente. Zwar wollte er auf keinen Fall mit Thalberg verglichen werden, doch waren Vergleiche seiner eigenen Erfolge mit Erfolgen Thalbergs hĂ€ufige Bestandteile seiner Briefe. Nach seiner RĂŒckkehr nach Paris war er kaum noch ansprechbar, wenn es nicht darum ging, ihn in ĂŒberschwĂ€nglichsten Formulierungen zu loben.Vgl. die Kritik Marie d'Agoults, in: Liszt-d'Agoult: Correspondance I, S.425f. Zudem gab es GerĂŒchte von AffĂ€ren mit Damen in Triest, Wien und Pest.Vgl. die diesbezĂŒgliche Bemerkung Liszts in einem Brief vom 3. MĂ€rz 1843, in: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.269. Am 20. Juni 1840, nachdem Marie d'Agoult Liszt nach London gefolgt war, kam es wegen solcher Dinge zur Eskalation.Vgl. den Brief Liszts an Marie d'Agoult, in: Liszt-d'Agoult: Correspondance I, S.450. Aus dem Poststempel geht hervor, dass der Brief am 20. Juni 1840 abgeschickt und empfangen wurde; vgl. hierzu: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S.320, Anm.1 zu Brief 15. Zum besseren VerstĂ€ndnis des Briefs vgl. auch: d'Agoult: Souvenirs II, S.251, sowie dort: S.332, Anm. 266.

Im Sommer 1840 bereisten Liszt und Marie d'Agoult das Rheinland, und in der ersten OktoberhĂ€lfte 1840 verbrachten sie einen gemeinsamen Urlaub in Fontainebleau. Liszt hatte inzwischen versprochen, sich zu bessern und sich in allen wichtigen Fragen dem Rat Marie d'Agoults zu fĂŒgen.Vgl. Liszts Briefe an Marie d'Agoult vom 15. Januar und vom 19. Juni 1841, in: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.106 und S.162. Es wurde der Plan einer Heirat gefasstVgl. Marie d'Agoults Brief vom 11. November 1840 in: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.51f., und auch der frĂŒhere Plan einer Niederlassung in Italien war noch immer aktuell.Vgl. beispielsweise den Brief Marie d'Agoults vom 7. Oktober 1840 aus Fontainebleau an Henri Lehmann, in: Joubert: Correspondance romantique, S.131. In der Zeit seines Aufenthalts vom Mai/Juni 1841 in London Ă€nderte Liszt jedoch seine PlĂ€ne. Er hatte eine Einladung zu einem Norddeutschen Musikfest erhalten. Entgegen starker Einreden Marie d'Agoults verließ er am 1. Juli LondonDer Termin geht aus einem Brief Karl Klingemanns an Mendelssohn hervor; vgl.: Klingmann, Karl: Felix Mendelssohn Bartholdys Briefwechsel mit Legationsrat Karl Klingmann, Essen 1909, S.264., um zu einem Konzert in Hamburg zu reisen. In der Zeit eines gemeinsamen Aufenthalts auf der Rheininsel Nonnenwerth von Anfang August bis zum Oktober 1841 ĂŒberredete er Marie d'Agoult, einer VerlĂ€ngerung seiner TĂ€tigkeit als reisender Virtuose um zwei Jahre zuzustimmen.Dies geht aus einem Brief Liszts vom 3. MĂ€rz 1843 hervor; vgl.: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.270. Seine anspruchsvollen Projekte, darunter das VervollstĂ€ndigen der 12 Grandes Etudes zu 24 StĂŒcken und das Erweitern des EinzelstĂŒcks Harmonies poĂ©tiques et religieuses zu einem Zyklus, stellte er ein.

Herbst 1841 bis Sommer 1843

thumb|right|Franz Liszt in einer Karikatur von 1842.Im Winter 1841/42 gab Liszt in der Zeit eines Aufenthalts von zehn Wochen in Berlin wenigstens 21 Konzerte. Er reiste dann zu Konzerten nach St. Petersburg. Am 1. Juni 1842 traf er auf einem Dampfschiff in TravemĂŒnde ein.Das Datum der Ankunft des Dampfschiffs Nikolai aus St. Petersburg geht aus einer Notiz im Hamburgischen Correspondenten hervor. Nach zwei Konzerten in LĂŒbeck, die er zugunsten der Opfer einer Brandkatastrophe in Hamburg gab, kehrte er in der Junimitte 1842 nach Paris zurĂŒck.Vgl. die entsprechende Notiz in der Revue et Gazette musicale vom 19. Juni 1842, S.25.

In der Zeit von Liszts Abwesenheit hatte sein Rivale Thalberg mit Konzerten am 12. und am 21.April die Gelegenheit zum Ausbau seiner eigenen Position in Paris genutzt. Er nahm in seinem ersten Konzert 12.000 Francs, und in seinem zweiten Konzert 13.000 Francs ein. Am Ende des zweiten Konzerts wurde er mit Zuwerfen einer goldene Krone symbolisch zum "Kaiser Sigismund" ernannt.Vgl. die Schilderung von Berlioz in der Neuen Zeitschrift fĂŒr Musik 16 (1842), S.171f. In einer Rezension in der Revue et Gazette musicale schrieb Henri Blanchard, noch in hundert Jahren wĂŒrden alle Pianisten zu dem bis dahin als Heiligen kanonisierten Thalberg beten.Vgl.: Revue et Gazette musicale 1842, S.181. Nachdem Thalberg noch in einem Konzert von Emile Prudent aufgetreten war, verließ er Paris, um ĂŒber BrĂŒssel nach London zu reisen. Nach erfolgreichen Konzerten in London kehrte er Anfang Juli nach Frankreich zurĂŒck. In dieser Zeit wurde in einer Notiz in der Revue et Gazette musicale vom 3. Juli 1842 bekannt gegeben, dass ihm das Kreuz der französischen Ehrenlegion verliehen worden war.

Liszt hatte im Winter 1841/42 in Berlin Reaktionen des Publikums ausgelöst, die an die Hysterie der Fans von Stars moderner Pop-Musik gemahnen, und die in zeitgenössischen Karikaturen als "Lisztomanie" einen Niederschlag fanden. Ein Vorteil fĂŒr Liszt mit Hinblick auf sein Ansehen in Paris ergab sich daraus nicht. Berlin war in dieser Zeit ein vergleichsweise kleiner Ort mit einem konservativen Musikgeschmack. Dagegen war Paris die kulturelle Hauptstadt der Welt.In seiner Thalberg-Rezension von Anfang 1837 hatte Liszt selbst ausgefĂŒhrt, in Paris gefĂ€llte Geschmacksurteile wĂŒrden ĂŒberall ungeprĂŒft ĂŒbernommen. Die Erfolge Liszts in Berlin wurden deshalb in Paris zur Kenntnis genommen, ohne dass sie imponierten. Wegen einer politischen Komponente hatte Liszt sich im Gegenteil noch zusĂ€tzliche Feinde gemacht.

Offenbar zur Vorbereitung seiner Reise nach Berlin hatte Liszt im Sommer 1841 Werke fĂŒr MĂ€nnerchor mit zum Teil deutsch-patriotischen Texten komponiert. Hierzu gehörten der Chor "Was ist des Deutschen Vaterland" nach Ernst Moritz Arndt und das "Rheinweinlied" nach Georg Herwegh. Vor dem Hintergrund einer aktuellen Krise, in der es um die Zugehörigkeit der Rheinufer zu Frankreich oder zu Deutschland ging, war in Berlin die AuffĂŒhrung des "Rheinweinlieds" mit dem Refrain "Der Rhein muss deutsch verbleiben!" ein großer Erfolg gewesen. In Paris dagegen, in einem Konzert, das Liszt am 30. Juni 1842 zugunsten einer in Not geratenen Operngesellschaft aus MainzDer Direktor Schumann wurde wegen hoher Schulden inhaftiert, und die Einnahmen der Operngesellschaft wurden konfisziert; vgl. hierzu den Bericht unter der Rubrik "Von Kunst-Sachen" im Hamburgischen Correspondenten vom 4. Juni 1842. gab, entwickelte sich die AuffĂŒhrung des "Rheinweinlieds" mit deutschem Text zu einem Skandal. Es schloss sich eine erregte Debatte mit Anfeindungen Liszts in der französischen Presse an. Dabei wurde ihm vorgeworfen, er habe bereits in Berlin mit deutsch-nationalen Demonstrationen gegen französische Interessen agitiert.Zu diesem Komplex vgl.: Gooley: The virtuoso Liszt, S.191ff.

Im September 1842 standen Feierlichkeiten zum Anlass der Grundsteinlegung zur Fertigstellung des Kölner Doms bevor. Liszt erhielt im August 1842 in Paris eine Einladung, bei dieser Gelegenheit in Anwesenheit des preußischen Königs ein Konzert zu geben. Da die Fertigstellung des Kölner Doms ein deutsch-nationales Politikum war und Liszt vor dem Hintergrund der durch die AuffĂŒhrung seines "Rheinweinlieds" ausgelösten Debatte neue Provokationen vermeiden wollte, lehnte er die Einladung zuerst ab.Zu dieser Angelegenheit vgl. die Briefe Liszts an Lefebvre in Koln vom 28. Juli, 29. August und 5. September 1842, in: Vgl.: Pocknell: Liszt and Lefebvre I, S.55ff. Am 7. September verließ er dann Paris, um nach Köln zu reisen.Das Datum ergibt sich aus einem Brief Liszts an Marie d'Agoult vom gleichen Tag, in: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.219. Er gab dort am 13. September ein Konzert. Am gleichen Tag besuchte er in Koblenz den FĂŒrsten Metternich.Zu den nĂ€heren UmstĂ€nden vgl. den Brief Liszts an Marie d'Agoult vom 8. November 1842, in: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.227f. Aus dem Aufenthalt in Koblenz ergaben sich Folgen, die mit Hinblick auf Liszts Privatleben zur Katastrophe fĂŒhrten.

Marie d'Agoult hatte im Sommer 1841 auf der Insel Nonnenwerth die Freifrau Marie von Cettritz-Neuhaus kennengelernt, mit der sich eine Korrespondenz entspann. Aus dieser Quelle erfuhr Marie d'Agoult von amourösen Abenteuern Liszts in der Zeit seines Aufenthalts vom Winter 1841/42 in Berlin mit der Schauspielerin Chalotte von Hagn.Dies geht aus zahlreichen Rechtfertigungsversuchen Liszts in seinen Briefen an Marie d'Agoult aus den Jahren 1842 und 1843 hervor. Nachdem Liszt am 20. September von Köln nach Paris zurĂŒckgekehrt war, brach er einen Monat spĂ€ter zu einer neuen Reise auf, die zuerst nach Weimar und dann ĂŒber Berlin nach St. Petersburg und Moskau fĂŒhrte. In dieser Zeit wurde Marie d'Agoult von Bekannten im Rheinland zugetragen, Liszt habe sich bei seinem Aufenthalt vom 13. September in Koblenz mit Charlotte von Hagn getroffen.Vgl. den Brief Liszts an Marie d'Agoult vom 22. Oktober 1842 sowie seine nachfolgenden Briefe, in: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.227ff. Als er am 11. November in Frankfurt a. M. eintraf, fand er einen Brief Marie d'Agoults vor, den er als augenblickliches Ende seiner Beziehung mit ihr verstand.Vgl. den Liszts an Marie d'Agoult vom gleichen Tag, in: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.229.

In einer Antwort vom 11. November schrieb Liszt als erste Reaktion, eine Trennung, mit der er einverstanden sei, mache ihm nichts aus.Vgl.: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.229. Einige Tage spĂ€ter kam er − diesmal alleine − auf einem Dampfschiff an der Insel Nonnenwerth vorbei. In einem Brief an Marie d'Agoult vom 16. November erinnerte er nun an ein Gedicht, das ein Jahr zuvor sein Freund Felix Lichnowski mit Bezugnahme auf die Insel geschrieben hatte.Vgl.: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.230. Er komponierte das Gedicht als Lied, das im FrĂŒhjahr 1843 mit dem Titel "Nonnenwerth" mit Widmung an Marie d'Agoult erschien. Es endet mit den Worten:

Dies das letzte meiner Lieder,
Ruft Dir: Komme wieder,
komme, komme wieder!
Dies das letzte meiner Lieder,
Ruft Dir: Maria, komme wieder,
Maria, Maria, komme wieder,
Maria, Maria, Maria, komme wieder,
Komme, komme wieder,
Maria, Maria Maria!


Im Juli 1843, als die im Sommer 1841 vereinbarte Frist von zwei Jahren abgelaufen war, trafen Liszt und Marie d'Agoult fĂŒr ein zweites Mal auf der Insel Nonnenwerth zusammen. Liszt hatte in der Zeit seines Aufenthalts vom Winter 1842/43 in Berlin mit Charlotte von Hagn einen Bruch herbeigefĂŒhrt.Hierauf bezieht sich die Andeutung: „Une autre rupture qui est en train de se faire“ in Liszts Brief an Marie d’Agoult vom 31. Januar 1843, in: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.249. In Briefen an Marie d'Agoult hatte er angeboten, seine Karriere als reisender Virtuose im Sommer 1843 zu beenden.Vgl. beispielsweise seinen Brief vom 22. Januar 1843, in: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.253. Als er dann mit Marie d'Agoult zusammentraf, sagte er zu ihr, die Insel Nonnenwerth werde sich entweder als Tempel oder als Grabmal ihrer Liebesbeziehung erweisen.Vgl. den Brief Marie d'Agoults an die Freifrau von Cettritz-Neuhaus vom 27. August 1846, in: d'Agoult: Souvenirs II, S.333, Anm.268. Es zeigte sich dann, dass die Insel zu ihrem Grabmal geworden war.

Marie d'Agoult kehrte am 20. Oktober 1843 nach Paris zurĂŒck. Sie begann dort am 3. November mit der Niederschrift eines quasi autobiographischen Romans "NĂ©lida".Das Datum wird in: DupĂȘchez: Marie d'Agoult, S.173, mit Bezugnahme auf Marie d'Agoults Terminkalender nachgewiesen. Der Roman wurde spĂ€testens bis zum Dezember 1844 fertiggestellt. Er wurde zuerst als Manuskript in Liszts Pariser Bekanntenkreis gelesen.Hierzu gehörten Alfred de Vigny, der das Manuskript im Dezember 1844 las, der AbbĂ© de Lamennais und der Literaturkritiker Beranger; vgl. den Brief de Vignys an Marie d'Agoult vom 23. Dezember 1844, in: Ollivier, Daniel (Hrsg.): Autour de Mme d’Agoult et de Liszt, Paris 1941, S.46f, und: d'Agoult: Souvenirs II, S.36f. Mit deutlichen Parallelen zur Wirklichkeit war dafĂŒr gesorgt, dass es hinsichtlich der IdentitĂ€t der Hauptcharaktere NĂ©lida de la Theiellaye und Guermann Regnier mit Marie d'Agoult und Liszt keinen Zweifel gab. Liszt wird in der Gestalt des Malers Guermann Regnier als KĂŒnstler mit amoralischer Lebensanschauung dargestellt, der anspruchsvolle Kunstwerke zwar hervorbringen möchte, aber bei der praktischen AusfĂŒhrung versagt. Seit dem 25. Januar bis zum 10. MĂ€rz 1846 lag der Roman in einzelnen Folgen in der Revue IndĂ©pendante und seit dem 8. August 1846 als Buch vor. In dem Buch war nur der Titel "NĂ©lida", jedoch kein Name eines Verfassers enthalten.Einzelheiten zu der Veröffentlichung des Romans sind zu finden in: Fleuriot de Langle, Paul: Le lancement d’un roman en 1846 (avec des documents inĂ©dites), in: Mercure de France vom 15. Februar 1929, S.120ff.

Im November 1843 initiierte auch Liszt ein literarisches Projekt. In der Zeit eines Aufenthalts von knapp zwei Wochen in Stuttgart kam er dort mit Gustav Schilling zusammenDies geht aus dem Vorwort von: Schilling: Franz Liszt, hervor., dem er Quellenmaterial zur VerfĂŒgung stellte.Zu diesem Quellenmaterial gehörten das Tagebuch Adam Liszts sowie eine Auswahl der unter Liszts Namen veröffentlichten Baccalaureus-Briefe. Mit Zugrundelegung dieses Materials schrieb Schilling das Buch "Franz Liszt, Sein Leben und Wirken aus nĂ€chster Beschauung dargestellt", das Anfang 1844 erschien. In einer Anmerkung des Verlags ist das Buch als einzige korrekte und authetische Biographie Liszts aushewiesen. Aus einem Anhang geht hervor, dass Liszt das Buch vor der Veröffentlichung las und korrigierte. In diesem Buch werden die Persönlichkeit Liszts und seine Laufbahn als KĂŒnstler in ĂŒberschwĂ€nglichsten Superlativen positiv dargestellt. Liszt ist dort nicht nur der wohltĂ€tigste, intelligenteste und genialste Mensch aller Zeiten, noch dazu in allen Wissenschaften auf den letzten Grund gekommen, sondern ein Komponist von einem Rang, mit dem allenfalls nur Beethoven verglichen werden kann. Viele Legenden, die sich um die Persönlichkeit Liszts in der Zeit seiner Kindheit und Jugend ranken, und die unter seinen Verehrern bis heute verbeitet sind, gehen auf das Buch von Schilling, und damit auf Liszt selbst zurĂŒck.

Ende der Konzertreisen

Nach dem Ende des Aufenthalts auf der Insel Nonnenwerth vom Sommer 1843 stand noch eine Auseinandersetzung Liszts und Marie d'Agoults ĂŒber die Zukunft der gemeinsamen Kinder bevor. Die Auseinandersetzung wurde in zwei Schritten vollzogen. Als Liszt sich im FrĂŒhjahr 1844 zu Konzerten in Paris aufhielt, verzichtete er in einer schriftlichen ErklĂ€rung vom 7. Mai auf jede Einmischung in die Erziehung seiner Töchter.Vgl.: Liszt-d’Agoult: Correspondance II, S.341. In einer ErklĂ€rung vom 10. Mai ĂŒbernahm er die Verpflichtung, fĂŒr den Lebensunterhalt und die Erziehung Blandines jĂ€hrlich 3.000 Francs an Marie d'Agoult zu zahlen.Vgl.: Vier (Hrsg.): L'artiste - le clerc, S.65. Ein Jahr spĂ€ter kam es zwischen Liszt und Marie d'Agoult zu neuem Streit, weil Liszt nun das vollstĂ€ndige Sorgerecht fĂŒr alle drei Kinder verlangte. Er drohte damit, die Kinder notfalls mit Gewalt und entgegem ihrem Willern zuerst nach Deutschland und dann nach Ungarn zu bringen. Um weitere Eskalationen und einen Skandal zu vermeiden, verzichtete Anfang Juni 1845 Marie d'Agoult auf alle Rechte an den gemeinsamen Kindern mit Liszt.Zu den Einzelheiten vgl. den Brief Liszts an Massart vom 27. April 1845, in: Vier (Hrsg.): L'artiste . le clerc, S.73ff, und die Schilderungen Liszts in Briefen an seine Mutter, in: Liszt: Briefwechsel mit seiner Mutter, S.169ff. Seither war von der Seite Liszts jeder Kontakt der Kinder mit ihrer Mutter strengstens untersagt.Die beiden MĂ€dchen besuchten ihre Mutter Anfang 1850, nachdem sie ihre Adresse herausgefunden hatten. Zur Reaktion Liszts vgl.: Walker: Weimar Years, S.429ff. Ein neuer Kontakt kam dann erst 1854 zustande.

Liszt musste noch immer jĂ€hrlich 3.000 Francs fĂŒr Blandine bezahlen. Der Lebensunterhalt fĂŒr die beiden ĂŒbrigen Kinder und fĂŒr seine Mutter kam hinzu. Damit er dies leisten konnte, wollte Liszt bei der Bank von Rothschild in Paris Kapital hinterlegen, dessen ErtrĂ€ge zur Deckung der anfallenden Kosten ausreichen sollten. Zum Erwerb des Kapitals musste er auch weiterhin Konzerte geben. Ästhetische Skrupel konnte er sich dabei nicht leisten.Vgl. seinen Brief an Marie d'Agoult vom Februar 1846, in: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.351. Das Vorhaben fĂŒhrte bis Ende August 1846 zum Erfolg. Anna Liszt hatte das von ihrem Sohn geschickte Geld in Wertpapieren mit Renditen von 4% und 5% angelegt. Von den jĂ€hrlichen EinkĂŒnften von 7.050 Francs, die Anna Liszt aus den Wertpapieren bezog, konnten die 3.000 Francs fĂŒr Blandine und die ĂŒbrigen Kosten bestritten werden.Vgl. den Brief Anna Liszts vom 5. September 1846, in: Liszt: Briefwechsel mit seiner Mutter, S.391. Bis zum Juni 1847 schickte Liszt noch weiteres Geld. Die jĂ€hrlichen EinkĂŒnfte Anna Liszts waren damit auf 9.011 Francs angestiegen.Vgl. den Brief Anna Liszts vom 12. Juni 1847, in: ibid, S.407.

JĂ€hrlichen EinkĂŒnften von 9.011 Francs entsprach ein angelegtes Kapital von rund 180.000-250.000 Francs.In seinem Testament vom September 1861 bezifferte Liszt sein bei Rothschild angelegtes Kapital mit einem Betrag von ungefĂ€hr 220.000 Francs; vgl.: Walker: Weimar Years, S.558. Hiervon waren 60.000 Francs schon aus der Zeit der Konzerte Liszts als Wunderkind vorhanden gewesen.Vgl.: Liszt-d’Agoult: Correspondance I, S.437. Seit dem Winter 1839/40, d. h. in einer Zeit von siebeneinhalb Jahren, hatte er insoweit einen Geldbetrag von 120.000-190.000 Francs zurĂŒckgelegt. Der Vergleich mit den 10.000 Francs, die Thalberg im April 1836 bereits mit seinem ersten eigenen Konzert in Paris verdiente, lĂ€sst erkennen, dass der von Liszt erzielte Ertrag seiner Konzertreisen fĂŒr einen Spitzenvirtuosen dieser Zeit sehr spĂ€rlich war. Er hatte sich einen aufwĂ€ndigen Lebensstil angewöhnt und den grĂ¶ĂŸten Teil des in seinen Konzerten verdienten Geldes fĂŒr momentane BedĂŒrfnisse ausgegeben.Vgl. die Ermahnung Anna Liszts in ihrem Brief vom 5. September 1846, in: Liszt: Briefwechsel mit seiner Mutter, S.390, und die Antwort Liszt vom 22. Oktober 1846, in: ibid, S.198. Ein Beispiel ist sein Aufenthalt in Wien vom FrĂŒhjahr 1846. Seit dem 1. MĂ€rz bis zum 4. April 1846 war er in einer Serie von anderthalb Dutzend Konzerten erfolgreich gewesen. Bis zu seiner Abreise nach Prag, wo er am 13. April auftreten wollte, gab er dann tĂ€glich luxuriöse Bankette fĂŒr einen Kreis von Freunden. Als er nach Prag aufbrechen wollte, konnte er seine Hotelrechnung nicht bezahlen, ohne sich Geld zu leihen.Vgl.: Walker: Virtuoso Years, S.4. Walkers Angabe in seiner Anm.4, es habe sich um einen halb privaten Besuch Liszts in Wien gehandelt, ist irrefĂŒhrend und falsch. Es kamen Geschenke an befreundete KritikerBeispiele sind FĂ©tis in BrĂŒssel und Rellstab in Berlin. Im FrĂŒhjahr 1842 erhielten beide von Liszt 100 Flaschen des besten Rheinweins, die Liszt von seinem Freund Lefebvre in Köln ausliefern ließ; vgl. Liszts Brief an FĂ©tis vom 2. April 1842, in: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S.80, sowie den Brief vom gleichen Tag an Lefebvre, in: Pocknell: Liszt and Lefebvre I, S.50. und andere BekannteSo bezahlte Liszt im Herbst 1843 Schulden des Grafen Teleky, der an dem Aufenthalt auf der Insel Nonnenwerth vom Sommer dieses Jahres teilgenommen hatte; vgl.: Liszt-d'Agoult: Correspondance II, S.301f. hinzu. Im Sommer 1845 hatte er in Bonn fĂŒr ein Fest zum Anlass der EnthĂŒllung eines Beethoven-Denkmals einen großen Teil der Kosten ĂŒbernommen.FĂ©tis, der an dem Fest teilgenommen hatte, und der Liszt einige Tage spĂ€ter in Koblenz traf, fand diesen erschöpft, mutlos und beinahe ruiniert; vgl.: Vier (Hrsg.): L'artiste - le clerc, S.146, Anm.3. Liszt war demnach bis an die Grenze seiner finanziellen Möglichkeiten gegangen.

Seit dem FrĂŒhjahr 1846 machte Liszt sich Hoffnungen, als Nachfolger des erkrankten Donizetti in dem Amt des Kammerkapellmeisters am Wiener Hof berufen zu werden. Eine Entscheidung ĂŒber diese Frage stand im FrĂŒhjahr 1847 an. In dieser Zeit wollte Liszt eine Oper Sardanapal nach einem Drama Lord Byrons zur Premiere bringen. Die Oper sollte in der Zeit einer Reise Liszts nach Konstantinopel entstehen. Es ergaben sich Verzögerungen bei der Beschaffung eines Libretto; und auch Liszts Hoffnung auf eine Anstellung in Wien erfĂŒllte sich nicht. Seine Laufbahn als reisender Virtuose ging im Oktober 1847 mit Konzerten in der Ukraine zu Ende. Er hatte genug Geld erspart, um seine Mutter und seine Kinder in Paris unterstĂŒtzen zu können. FĂŒr seine eigenen BedĂŒrfnisse war aber nichts ĂŒbrig geblieben. Als im FrĂŒhjahr 1848 in Paris die Revolution ausbrach, sah es fĂŒr den Moment so aus, als habe Liszt auch noch das von ihm angelegte Kapital verloren. Das Bankhaus Rothschild stellte seine Zahlungen ein und schien vor der Pleite zu stehen.Vgl. den Brief Liszts an die FĂŒrstin Wittgenstein vom 24. MĂ€rz 1848, in: Jung (Hrsg.): Franz Liszt in seinen Briefen, S.104f.

Kapellmeister in Weimar

AnfÀnge

Im Anschluss an einen Aufenthalt in der zweiten OktoberhĂ€lfte 1842 in Weimar wurde Liszt mit Dekret vom 2. November 1842 des Großherzogs Carl Friedrich zu dessen Kapellmeister ernannt.Vgl. die Abbildung des Dekrets in: Burger: Franz Liszt, S.175. Einzelheiten der Konditionen waren in einem Protokoll vom 30. Oktober sowie in einem Zusatz vom 31. Oktober festgehalten worden.Die beiden SchriftstĂŒcke sind in: Ramann: Franz Liszt II,3, S.197, zu finden. Danach war Liszt im September und Oktober oder im Oktober und November sowie im Februar zu einem Aufenthalt von drei Monaten in Weimar verpflichtet.

Die ĂŒbrigen Teile des Protokolls waren so gefasst, dass sich fĂŒr Liszt weder verbindliche Rechte noch Pflichten ergaben. Es wurde bestĂ€tigt, dass er in der Zeit seines Aufenthalts in Weimar in den von ihm arrangierten Konzerten das Orchester zu leiten wĂŒnsche. In welchem Umfang er dies tun wollte, und in welchem Umfang seinem Wunsch zu entsprechen war, blieb unbestimmt. Er hatte darauf zu achten, dass es in der TĂ€tigkeit des Weimarer Hofkapellmeisters AndrĂ© Hippolyte ChĂ©lardChĂ©lard, seit dem Juni 1840 im Amt, wurde 1851 pensioniert. Seine Stelle wurde dann zuerst mit Carl Götze und spĂ€ter mit Eduard Lassen besetzt. zu keiner Störung kam. Mit Hinblick auf sein Honorar hatte Liszt erklĂ€rt, er werde mit demjenigen Betrag zufrieden sein, ĂŒber den jeweils nach dem Wert der von ihm in den drei Monaten seines Aufenthalts geleisteten Dienste entschieden wurde. Als ĂŒblicher Brauch spielte sich ein, dass er jĂ€hrlich 1.000 Thaler zusammen mit der Anfrage erhielt, ob er mit diesem Betrag einverstanden sei. Hierzu entgegnete er jeweils: "Vollkommen."Vgl.: ibid, S.197. Daneben erhielt er in wechselnder Höhe noch Zuwendungen der Großherzogin Maria Palowna.Vgl. Walker: Weimar Years, S.103. Walker ĂŒbersah dort die 1.000 Thaler, die Liszt regulĂ€r bezog. Hatte Liszt am 30. Oktober angegeben, bis zum Ende seines Lebens ohne jeden Titel Herr Liszt bleiben zu wollen, so stimmte er einen Tag spĂ€ter zu, mit Dankbarkeit und VergnĂŒgen den Titel eines Kapellmeisters im außerordentlichen Dienst anzunehmen.

Liszt kam seiner Pflicht zu einem jĂ€hrlichen Aufenthalt von drei Monaten in Weimar zuerst nur unregelmĂ€ĂŸig nach. In einem zusammen mit ChĂ©lard gemeinsam geleiteten Konzert vom 7. Januar 1844 debĂŒtierte er in Weimar als Dirigent.In einer Rezension in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung 46 (1844), S.244f, wurde Liszt fĂŒr seine


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Liszt
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