Die englische Band
The Verve aus Wigan (Greater Manchester) zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Britpops der 1990er-Jahre. Nach den Trennungen 1995 und 1999 haben sie sich im Juni 2007 im Original-Lineup wieder formiert
.
Ihr musikalisches Spektrum reicht von sphärischen Klangwelten und verzerrtem, psychedelischen Shoegaze über Rock ’n’ Roll und bluesigen Soulrock bis hin zu aufwendig arrangierten Britpop-Hymnen. Weltweit bekannt wurden sie durch den Song Bitter Sweet Symphony aus dem Jahre 1997.
Werdegang als Verve (1989–1994)
Bandgründung und musikalische Einflüsse - 1989/1990
Im Jahr 1989 verließ Richard Ashcroft seine Abschlussprüfung mit der Begründung, er wolle die „beste Band der Welt“ gründen. Kurz darauf gründeten die Schulfreunde Richard Ashcroft (Bandleader, Gesang), Peter Salisbury (Schlagzeug) und Simon Jones (E-Bass) im englischen Wigan die Band
Verve, als Gitarrist wurde Nick McCabe verpflichtet.
In ihren Einflüssen verweisen Verve auf Funk, Soul, Wave und Manchester Rave. Bands wie Funkadelic, Electric Prunes, Spaceman 3 und John Martyn galten als die Ideengeber der Band, wie auch die Ikonen des Krautrocks, die deutschen Can. Die
Wigan Demos der Band von 1990, mit denen sich die Band bei diversen Plattenlabels vorstellig machte, zeichneten sich durch spirituellen, Perkussion Funk mit Jazzelementen aus.
Plattenvertrag und erste Veröffentlichungen - 1991/1992
Siehe auch folgenden Hauptartikel: Vervedebüt - Das Minialbum The Verve EP
Vor allem fielen
Verve durch den charismatisch spirituellen Frontmann und dessen Bühnenpräsenz auf. „Mad Richard“, wie ihn die britische Presse für seine Behauptungen wie „er könne fliegen“ nannte, wirkte wie aus und in einer anderen Welt, deliriert durch die außergewöhnliche, dröhnend sphärische Gitarre von
McCabe und der treibenden Rhythmusgruppe. John Leckie (produzierte u. a. Radiohead und Muse) und David Boyd (Label-Chef von
Hut) bezeichneten die
Verve- Konzerte als Reisen durch die verschiedensten Klangwelten dieser Erde, ohne zu wissen wann die eine anfängt und wo die andere endet. Letzterer nahm sie im Jahr 1991 schließlich in das Labelportfolio der neu gegründeten Virgin-Tochter
Hut Recordings auf, zu dem bis dato nur der Europavertrieb der Smashing Pumpkins zählte.
Im März 1992 veröffentlichten sie ihre erste Single
All In The Mind, die in den englischen Indie-Charts auf den obersten Rängen rangierte. Die beiden nachfolgenden Singles der Band (
She’s a Superstar und
Gravity Grave) landeten direkt an der Spitze dieser Charts. Alle drei Singles und insbesondere deren Covergestaltung und B-Seiten wurden von Kritikern und Presse hoch gelobt. Die Band Mansun hat sich schließlich nach der B-Seite
A Man Called Sun benannt. Das erste Minialbum
The Verve E.P. erschien noch im gleichen Jahre. Zudem wurde vom amerikanischen Schwesterlabel
Vernon Yard, das Live-Album
Voyager 1 in einer Auflage von 1000 Stück veröffentlicht. Es sollte die eingangs beschriebene einzigartige Liveatmosphäre einfangen, die zu den Studioaufnahmen der Band wie eine Gegenwelt wirkte.
Debütalbum und markante Tourneen - 1993/1994
Siehe auch folgenden Hauptartikel: A Storm in HeavenIm Frühjahr 1993 veröffentlichten
Verve ihren ersten vollständigen Longplayer
A Storm In Heaven. Produziert von
John Leckie, wurde das Album von Kritikern ebenfalls hoch gelobt und landete in den englischen Charts auf Platz 27. Wie bereits die
The Verve E.P. zeugt das Album von sensiblen, sphärischen Klangwelten, ist gleichsam aber um einiges rockiger und düsterer. Surreal romantische Texte über Hoffnung, Sex und Weltschmerz runden den fragilen Klang der psychedelisch verzerrten Gitarre und der noch zart gehauchten Stimme
Ashcrofts ab.
Bei einer kurzen Anschlusstour durch England, die der Veröffentlichung des Albums folgte, spielte eine damals noch unbekannte Band namens Oasis im Vorprogramm. Die Eroberung Amerikas war von jeher ein großer Traum der Band, und so nahmen
Verve im Sommer 1994 am Lollapalooza-Wanderkultfestival teil. Bei dieser Gigreihe wurde
Salisbury infolge diverser Gewaltausbrüche verhaftet und Ashcroft kollabierte aufgrund von Dehydrierungen, die aus überhöhtem Drogenkonsum resultierten. Weitestgehend erholt und als Vorband der Smashing Pumpkins kamen sie schließlich im gleichen Jahr auch noch nach Frankfurt, Deutschland.
Werdegang als The Verve (1994–1999)
Die Zwangsumbenennung - 1994
Siehe auch folgenden Hauptartikel: No Come DownDurch ihren steigenden Bekanntheitsgrad wurde das gleichnamige Plattenlabel Verve/Deutsche Grammophon auf sie aufmerksam und veranlasste Ende 1994 gerichtlich deren Umbenennung. Zunächst wollte die Band das zweite E im Namen streichen und begann die Aufnahmen zum zweiten Album unter dem zynischen Arbeitstitel
Verv - Droppin' E for America. Schließlich entschieden sie sich für den bestimmten Artikel und nannten sich ab dann „The Verve“. Die Umbenennung wurde mit der B-Seiten-Kollektion
No Come Down publiziert.
Überschattet vom Rechtsstreit zum Bandnamen gestalteten sich die Aufnahmen zum Zweitling als äußerst schwierig. Zwar fielen die Kritiken zu den ersten Veröffentlichungen äußerst positiv aus, ein kommerzieller Erfolg konnte sich jedoch nicht einstellen. War es doch
Richard Ashcroft selbst, der einst tönte „history has a place for us“ - und zu allem Überdruss wurden aus der ehemaligen Supportband Oasis 1994 die Britpop-Helden der Stunde.
Zweites Album und erste Konflikte - 1994/1995
Siehe auch folgenden Hauptartikel: A Northern SoulThe Verve setzten sich unter Druck und vollzogen einen Imagewechsel:
Owen Morris, der Oasis-Produzent, wurde zurate gezogen, die langen Hippiemähnen gestutzt, auf Kleidung geachtet und die Hall- und Delayeffekte großzügig weggepackt. Die chemischen Substanzen jedoch nicht. Infolge dessen rieben sich die beiden Egos
Nick McCabe und
Richard Ashcroft zunehmends an einander, als dann auch noch Ashcroft von seiner langjährigen Freundin getrennt wurde und finanziell am Boden war, lagen die Nerven blank. Die Songs reflektieren dieses Konfliktpotential in tiefgehend emotionaler und zerbrechlicher Art und Weise.
Im Juni 1995 erschien
A Northern Soul und ist im Gesamten um einiges poppiger und straighter als sein Vorgänger. Dennoch ist es sehr experimentell, rockig und kraftvoll und weist einige bluesig soulige Elemente auf.
Ashcroft singt erstmals mit voller Stimme und von viel mehr Liebe, Depression und Einsamkeit als zuvor. Mit
On Your Own und
History enthält es bereits die ersten beiden balladesken Hymnen, für die
The Verve später berühmt geworden sind. Der endgültige Albumtitel enthält schließlich dennoch ein Anspielung zu Verve, dem Jazzlabel, das sich im eigentlichen auf den Northern Soul spezialisiert hat. "A Northern Soul" landete auf Platz 13 der britischen Charts.
Erste Trennung und Reunion - 1995/1996
Siehe auch folgenden Hauptartikel: Die Abschiedssingle "History"Dieser Achtungserfolg konnte aber die zunehmenden Spannungen zwischen Frontmann und Gitarrist nicht lindern, nach dem
T-in-the-Park-Festival im Sommer 1995 verließ
Richard Ashcroft die Band,
The Verve waren am Ende. Die Plattenfirma veröffentlichte zum Abschluss die Trennungsballade
History.
Ein paar Wochen nach der Trennung fand sich die Band jedoch wieder zusammen - allerdings ohne
Nick McCabe. Bei der Suche nach einem geeigneten Ersatz-Gitarristen wurden unter anderem Bernard Butler (Ex-Suede) und John Squire (Ex-Stone Roses) eingeladen, ersterer hat sogar eine ganze Weile mitgeprobt. Schließlich holten die 3 Simon Tong als neuen vierten Mann in die Band, ein ehemaliger Klassenkamerad, der
Richard Ashcroft und
Simon Jones einst das Gitarre spielen beigebracht haben soll und sich bereits mit mehreren Studioaufnahmen andere Künstler verdingt hat. Doch
Ashcroft stellte bei den Aufnahmen für das dritte Album schnell fest: „Es ist dieser große Teil von
The Verve, der nur entstehen kann, wenn
Nick (McCabe) im Raum ist“. So entschloss er sich Ende 1996 schließlich
McCabe anzurufen und ihn zu bitten wieder in die Band zurück zu kommen.
Comeback und Höhepunkt - 1997
Siehe auch folgende Hauptartikel: Urban Hymns, Bitter Sweet Symphony, The Drugs Don't WorkWieder im offiziellen Line-Up der Band aufgenommen, spielte
Nick seine Gitarre zu den meisten, bereits zuvor aufgenommenen Songs nachträglich ein. Im September 1997 wurden schließlich die
Urban Hymns veröffentlicht und zum kommerziell erfolgreichsten Album der Band. Es gilt als eines der bedeutendsten Alben des Britpops überhaupt. Die im Juni zuvor ausgekoppelte Single
Bitter Sweet Symphony wurde zum bekanntesten und international erfolgreichsten Song der Band. Gleichzeitig musste die Band mit diesem Hit aber auch einen herben Rückschlag verkraften. Für die Aufnahme wurde ein Sample einer orchestralen Version des Rolling-Stones-Hits
The Last Time verwendet, was schließlich zu einem Rechtsstreit führte und
The Verve die Rechte und damit auch die verbundenen Einnahmen zu Gunsten der
Rolling Stones kostete.
Die
Urban Hymns stellen mit Radioheads
OK Computer das retardierende Moment des Britpops der Neunziger dar. Während
Radiohead ihren Songs eindeutig synthetische Elemente hinzufügten und so die Balance zwischen elektronischer Musik und Gitarrenrock suchten, simulierten
The Verve und insbesondere
McCabe mit Keyboard und Synthiegitarre jene elektronische Klangvielfalt ohne jedoch die Organik klassischer Gitarrenmusik zu verlieren.
The Drugs Don't Work war der einzige Nummer-1- Hit von
The Verve überhaupt. Das Album ist eine Sammlung softer, aber aufwändig arrangierter Britpop- Hymnen und Rockballaden mit ausgewählten, stadiontauglichen Bombastrockern à la Def Leppard. Dazu singt
Ashcroft so kraftvoll, emotional und warm wie nie zuvor (und nie danach). Das Album hat auch wieder diese psychedelischen Momente, aber wesentlich dezenter und reduzierter. Im Gegensatz zu
OK Computer ist es eine Absage an die Verelektronisierung der Kunst, verbildlicht im Naturbezug des Albumcovers. Ebenso veranschaulicht es die gegenläufigen Blickrichtungen, die
McCabe und
Ashcroft dazu einnehmen und die schließlich ein altes Konfliktpotential aufleben ließen.
Zweite Trennung - 1998/1999
Siehe auch folgende Hauptartikel: Richard Ashcroft, Nick McCabe, The ShiningDoch auch der Erfolg der
Urban Hymns hielt die Band nicht zusammen. Nach diversen Unstimmigkeiten mit
Ashcroft verließ diesmal
McCabe die Band und wurde 1998 durch B. J. Cole ersetzt.
The Verve lösten sich schließlich am 28. April 1999 offiziell und endgültig auf.
Richard Ashcroft verfolgt seitdem eine Solokarriere und lieh zusätzlich für jeweils einen Track den Chemical Brothers (Song:
The Test) und James Lavelle von U.N.K.L.E. (Song:
Lonely Soul) seine Stimme.
Pausenjahre (1999-2006)
Bis zum Jahr 2002 erfüllte Richard Ashcroft als Solist den 5-Alben-Vertrag von The Verve mit
Hut Recordings und veröffentlichte somit seine beiden ersten Alben. Seit dem Jahr 2005 ist er wie Coldplay bei
Parlophone und veröffentlichte im Jahr 2006 sein drittes Soloalbum, Keys To The World. Ex-Gitarrist Nick McCabe verdingt sich mit diversen Kollaborationen und Remixen und hat sich mittlerweile auf das Produzieren englischer Nachwuchsbands spezialisiert. Pete Salisbury ist der Studio- und Liveschlagzeuger von Ashcroft und betreibt einen eigenen Drumshop. Simon Jones und Simon Tong gründeten im Jahr 2001 mit John Squire (Ex- Stone Roses) die Band The Shining und veröffentlichten das Album
True Skies. Squire blieb nicht lang und die Band löste sich auch nach ihrer einzigen Tour wieder auf. Mittlerweile ist Simon Tong treuer Weggefährte von Damon Albarn und als Gitarrist sowohl bei Blur, den Gorillaz als auch bei The Good, The Bad & The Queen verpflichtet. Simon Jones zupfte bei Cathy Davey den Bass.
2004 wurde mit der Abwicklung des Labels Hut Recordings noch eine Best Of- CD/DVD von
The Verve mit den Singles und zwei bislang unerhältlichen Bonustracks veröffentlicht.
This Is Music: The Singles '92-'98 enthält die 12 Single-Releases, wobei die Songs
All in the Mind,
Slide Away und
Blue für das Best Of digital überarbeitet wurden. Auf der DVD sind bis auf
A Man Called Sun, der US- Version von
Blue und der kanadischen Version von
Bitter Sweet Symphony alle offiziellen Promo-Videoclips enthalten.
Reunion (2007–2008)
Im Juni 2007 verkündete die Band auf ihrer Homepage abermals eine Reunion - allerdings in Urbesetzung, also ohne den 1995 als fünftes Mitglied hinzugestoßenen
Simon Tong. Neben einer Tour durch England im Herbst 2007 ist die Band gemeinsam ins Studio gegangen und hat ein Album aufgenommen, das nicht nur durch das Songwriting-Talent des Frontmannes geprägt ist
. Das vierte Studioalbum heißt "Forth" und erschien am 18. August 2008, die Single
Love is Noise wurde kurz zuvor am 4. August veröffentlicht.
[Billboard Magazin: The Verve Readies First Album Since 1997, 23. Juni 2008] Im Frühjahr und Sommer 2008 war die Band dazu in Europa und Nordamerika unterwegs und trat ausschließlich bei Festivals auf. Von
Richard Ashcroft wurde besonders das Glastonbury Festival medial zelebriert
[ NME - New Musical Express: The Verve to headline Glastonbury 2008?, 13. November 2007], bei dem
The Verve den Headliner für Sonntag bildeten. Daneben trat die Band u.a. bei Rock am Ring, Nova Rock, Rock Werchter, Coachella und Pinkpop auf
[The Verve - offizielle Webseite: The Verve Tourdaten, 28. Juli 2008].
Veröffentlichungen
Alben
Singles/Videoclips
Videografie
Filmbeiträge
Literatur
- Sean Egan: The Verve: Star Sail, Omnibus Press (UK), 1998, ISBN 0711969655
- Martin Clarke: The Verve: Crazed Highs and Horrible Lows, Plexus Publishing (UK), 1998, ISBN 0859652696
- Velimir P. Ilic: The Verve: Mad Urban Soul, Omnibus Press (UK), 1998, ISBN 0711967989
- Philip Wilding: The Verve: Bitter Sweet Andre Deutsch Ltd (UK), 1998, ISBN 0233994092
- Paul Lester: The Verve: The Illustrated Story, Hamlyn (UK), 1998, ISBN 0600595927
- Urban Hymns - The Verve: Guitar Tab, International Music Publications, 2001, ISBN 1843281031
Quellen
Weblinks
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